Beitrag
4 Min.
6. November 2025
(Wieder-)Vereinigung, Wende, Umbruch – Wie sprechen wir über die Ereignisse von 1989/90?
Wiedervereinigung, Umbruch, Wende - für die Ereignisse ab dem Herbst 1989 gibt es viele Begriffe, die kontrovers diskutiert wurden. Wie konnte sich der Wende-Begriff durchsetzen?
Wie verändert sich Sprache in Zeiten tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Umbrüche?
Dieser Frage gingen Sprachwissenschaftler:innen am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) zwischen 1993 und 1996 im Rahmen des Projekts „Schlüsselwörter der Wendezeit“ nach. Ziel war es, Schlüsselwörter aus dem öffentlichen Sprachgebrauch von Mitte 1989 bis Ende 1990 linguistisch zu analysieren und ihre Bedeutungsverschiebungen sichtbar zu machen. Der folgende Beitrag stellt das Projekt vor und zeigt beispielhaft an den Bezeichnungen für die Ereignisse des Herbstes 1989 (also das, was wir heute als ‚Wende‘ bezeichnen), wie Sprache zum Schauplatz gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse wird.
Die Wendezeit – ein sprachlicher Umbruch
Die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit von Mitte 1989 bis Ende 1990 gingen mit zahlreichen sprachlichen Veränderungen einher. Besonders auf der Ebene des Wortschatzes zeigte sich der sprachliche Wandel: Neue Wörter tauchten auf (z.B. ‚Ossi‘ und ‚Wessi‘) und bereits existierende Wörter erhielten neuen Bedeutungen.
Dabei wurden auch die Bezeichnungen für die tiefgreifenden politischen Veränderungen verhandelt: Warum setzte sich beispielsweise eher die Bezeichnung ‚Wiedervereinigung‘ und nicht nur ‚Vereinigung‘ oder ‚Beitritt‘ durch? Warum ‚Wende‘ und nicht ‚Erneuerung‘?
Schaut man sich diese Sprachwandelprozessen genauer an, lernt man viel über die gesellschaftliche Veränderung selbst.
Das Projekt „Schlüsselwörter der Wendezeit“
Diesen Ansatz verfolgten auch Sprachwissenschaftler:innen am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) Anfang der 1990er Jahre. Die rasanten sprachlichen Veränderungen der Wendezeit nahmen sie zum Anlass, den öffentlichen Sprachgebrauch der Wendezeit in der DDR und in der Bundesrepublik
systematisch und linguistisch fundiert zu erfassen. Im Projekt „Schlüsselwörter der Wendezeit“ (1993-1996) wurden rund 150 Schlüsselwörter auf Grundlage einer definierten Textsammlung hinsichtlich ihres Gebrauchs und ihrer verschiedenen Bedeutungsebenen ausführlich analysiert. Die Wissenschaftler:innen untersuchten auch zeitliche Veränderungen im Gebrauch dieser Schlüsselwörter zwischen Mitte 1989 und Ende 1990.
Das Wendekorpus
Die Datengrundlage bildete das sogenannte Wendekorpus, das 1990/91 vom Zentralinstitut für Sprachwissenschaft in Ost-Berlin zusammengestellt wurde. Die Sammlung umfasst vor allem Texte aus Tages- und Wochenzeitungen, aber auch Flugblätter, Demosprüche und Aufrufe – also Dokumente des öffentlichen Sprachgebrauchs. Die Texte zeigen, wie verschiedene gesellschaftliche Gruppen – von Vertretern des alten DDR-Systems über oppositionelle Kräfte bis hin zu westdeutschen Parteien – Sprache, und insbesondere die ausgewählten Schlüsselwörter, verwendeten und interpretierten.
‚Wende‘, ‚Erneuerung‘, ‚Umbruch’– Bezeichnungen für die Ereignisse des Herbstes 1989
Ein wichtiger Untersuchungsgegenstand des Projekts waren die Bezeichnungen für die Ereignisse rund um den Herbst 1989 und ihr Wandel im Laufe der Zeit (siehe auch Kapitel 1 der Publikation). Zunächst gab es im öffentlichen Sprachgebrauch nämlich zahlreiche konkurrierende Bezeichnungen für die Ereignisse, wie ein Artikel aus der Jungen Welt vom 4. Dezember 1989 illustriert:
„Trotz aller Mühen, trotz Wende und Wandlung, Neuerung und Reform, Veränderung, Umkehr, Umgestaltung, wie man ’s auch nennen will, der Sand, dessen Rieseln den ganzen Prozeß auslöste, rinnt weiter;“
– Junge Welt, 04.12.1989
Das Projekt identifizierte dabei zehn zentrale Schlüsselwörter, die ganz unterschiedliche Bedeutungsebenen aufmachen: ‚Wende‘, ‚Revolution‘, ‚Umwälzung‘, ‚Umbruch‘, ‚Umsturz‘, ‚Veränderung‘, ‚Wandlung‘, ‚Wandel‘, ‚Erneuerung ‚und ‚Reform‘.
Die Bezeichnungen ‚Revolution‘, ‚Umwälzung‘, ‚Umbruch‘, ‚Umsturz‘ implizieren eine ‘grundlegende (bei ‚Umsturz ‚auch gewaltsame) Veränderung politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse’, die auf ‘Beseitigung der bestehenden Ordnung’ gerichtet ist. Auch die Bezeichnung Wende impliziert eine ‚grundlegende Änderung’, allerdings wird hier nicht die Beseitigung der bestehenden Ordnung, sondern eine ‘Veränderung der Richtung’ betont. Die Untersuchung der Texte zeigt, dass die Begriffe vor allem als Bezeichnung für die politischen Ereignisse verwendet wurden.
Im Gegensatz dazu stehen die Bezeichnungen ‚Veränderung‘, ‚Wandlung‘, ‚Wandel‘, ‚Erneuerung ‚und ‚Reform‘. Diese verweisen eher auf eine ‘allgemeine, allmähliche Veränderung von etwas Bestehendem’, die nur bei ‚Reform ‚explizit politisch/gesellschaftlich ist. Im Wendekorpus bezeichnen sie meist ‘gesellschaftliche und nicht politische Veränderungen’ (z.B. Erneuerung des Bildungswesens‘). Dabei verwendeten oppositionelle Gruppen in der DDR, die sich erst während der Wendezeit öffentlich artikulieren können, eher die etablierten Bezeichnungen Veränderungen, Erneuerungen oder auch ‚Reform‘. Gerade der Ausdruck ‚Reform ‚ wurde jedoch auch von Vertretern des noch herrschenden SED-Systems in opportunistischer Weise aufgenommen.
Die Vielfalt der Begriffe lässt sich auf unterschiedliche Deutungsmuster der Ereignisse zurückführen. Grundlegend ist dabei etwa die Frage, ob die politischen Entwicklungen als revolutionär oder nicht-revolutionär verstanden werden – was durch Bezeichnungen wie ‚Revolution ‚oder ‚Umsturz ‚deutlich stärker zum Ausdruck kommt als durch den Begriff ‚Wende‘.
Wie sich der Wende-Begriff durchsetzte
Der Begriff ‚Wende‘ war anfangs stark mit der SED-Führung verknüpft. Egon Kranz kündigte am 19. Oktober 1989 offiziell an:
„Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wiedererlangen.“
– Egon Kranz, Berliner Ztg., 19.10.1989
Für einige Wochen wurde das Wort zum Schlagwort im SED-Sprachgebrauch, vermutlich vor allem aufgrund seiner Vagheit. Schon bald traten jedoch andere Wörter – vor allem ‚Erneuerung ‚– an seine Stelle. Grund dafür ist vermutlich ein allgemeiner Zweifel an der Glaubwürdigkeit der angekündigten ‚Wende‘. Bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang die Hinterfragung des Wortes ‚Wende ‚durch Christa Wolf in ihrer Rede auf der Protestdemonstration vom 4. November 1989 in Berlin:
„Mit dem Wort „Wende“ habe ich meine Schwierigkeiten. Ich sehe da ein Segelboot, der Kapitän ruft „Klar zur Wende!“, weil der Wind sich gedreht hat, und die Mannschaft duckt sich, wenn der Segelbaum über das Boot fegt. Stimmt dieses Bild? Stimmt es noch in dieser täglich vorwärtstreibenden Lage? Ich würde von „revolutionärer Erneuerung“ sprechen.“
– Christa Wolf, 04.11.1989
Doch Vorbehalte wie diese schwanden zunehmend und das Wort ‚Wende‘ setzte sich mit dem direkten Artikel als eine Art Eigenname für die Ereignisse vom Herbst 1989 durch – redet man heute von „der Wende“ weiß man auch ohne Kontext, was gemeint ist. Diese Entwicklung zeichnete sich in den untersuchten Texten schon 1990 ab: Alle zehn oben genannten Schlüsselwörter tauchen vor
allem Anfang 1990 auf, in den darauffolgenden Monaten nimmt der Gebrauch aber ab und nur
Wende wird weiterhin verwendet.
Da das bezeichnete historische Ereignis zu diesem Zeitpunkt bereits eine vollendete Tatsache war, rückte das Aushandeln der politischen Bedeutung in den Hintergrund. Wende bot sich als kurzes, griffiges und bildhaftes Wort an dieser Stelle als neutrale Bezeichnung an, und auch wenn die ursprüngliche Verwendung vom SED-Regime von vielen kritisch gesehen wurde, wurde doch dadurch das Wort bereits im öffentlichen Bewusstsein verankert. Die (politische) Konnotation geriet also in Vergessenheit, das Wort aber blieb.
Publikation des Projekts und Onlineversion
Die Ergebnisse des Projekts wurden 1997 im Buch „Schlüsselwörter der Wendezeit. Wörter-Buch zum öffentlichen Sprachgebrauch 1989/90“ veröffentlicht – kein herkömmliches Wörterbuch, sondern ein „Buch über Wörter“. Zum 25. Jubiläum des Mauerfalls 2014 wurden die Inhalte des Projekts für eine Onlineversion aufgearbeitet und sind heute auf dem OWID-Wörterbuchportal frei zugänglich.
Diese Onlineversion reiht sich thematisch in eine Gruppe ähnlich konzipierter Wörterbücher ein, die sich mit weiteren Umbruchzeiten des 20. Jahrhundert befassen, etwa mit der Nachkriegszeit 1945–1955 oder der 68er-Bewegung. Bestimmte Schlüsselwörter wie z.B. ‚Revolution‘, ‚Erneuerung‘, ‚Demokratie‘ oder ‚Mündigkeit‘ können so in ihrer Bedeutungsvariation in mehreren Zeitabschnitten
des 20. Jahrhunderts betrachtet werden.
Dieser Blogartikel basiert auf folgenden Publikationen:
Herberg, D., Steffens, D., Tellenbach, E. (1997). Schlüsselwörter der Wendezeit: Wörter-Buch zum öffentlichen Sprachgebrauch 1989/90. Berlin: Walter de Gruyter. (Online-Version im IDS-Wörterbuch-Portal OWID: https://www.owid.de/wb/swwz/start.html)
Steffens, Doris. „Schlüsselwörter der Wendezeit-Das gleichnamige Wörter-Buch zum öffentlichen Sprachgebrauch 1989/90 ist im IDS-Wörterbuch-Portal OWID Online.“ IDS Sprachreport 4/2014. https://ids-pub.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/3586/file/Steffens_Schl%c3%bcsselw%c3%b6rter_2014_4.pdf
Über diesen Artikel
Lesen Sie auch
50% Urban – eine Woche Sommerschule durch Ostdeutschland
Ein Text zur Sommerschule: Transformation in Motion.
Binnenmigration seit 1991: Wohin zieht Deutschlands Bevölkerung?
Von Ost nach West, vom Land in die Stadt – das ist die gängige Annahme, wohin Menschen in Deutschland ziehen. Doch stimmen diese Klischees noch immer? Aktuelle Zahlen zeigen, wohin es die Bevölkerung wirklich zieht.
Älter als man glaubt – Eine kurze Geschichte der deutschen Energiewende
Die Energiewende ist älter als viele denken. Seit den 70ern gibt es Ideen, Bewegungen, Rückschläge in Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik.
