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Eingang Ausstellung erster Kosmoflug Udssr- DDR

11. Februar 2026

Morgenröthe-Rautenkranz: Vom Propaganda-Ort zum modernen Raumfahrtmuseum

Sigmund Jähn war als erster Deutscher im All. Zu seinen Ehren ließ die DDR ein Raumfahrt-Museum in seinem Heimatdorf bauen. Doch der Mauerfall brachte das Museum vor große Herausforderungen.

Porträt des Leibniz-Lab-Koordinators für die Wissenssynthese Tilmann Siebeneichner, ZZF Potsdam

Dr. Tilmann Siebeneichner

Koordinator Leibniz-Lab „Umbrüche und Transformationen“

Institut: Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF)

E-Mail: siebeneichner@zzf-potsdam.de

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Zum Ende der 1970er Jahre wurde das kleine, vogtländische Gebirgsdorf Morgenröthe-Rautenkranz  schlagartig zu einem staatlichen Wallfahrtsort. Ursächlich dafür war der sogenannte „space-first“ des „Arbeiter-und-Bauern-Staates“: „Der erste Deutsche im Weltraum – ein Bürger der DDR“ hatten ostdeutsche Medien stolz am 26. August 1978 über Sigmund Jähn berichtet, der am 13. Februar 1937 in Morgenröthe-Rautenkranz das Licht der Welt erblickt hatte.  Mit dem Weltraumdebut der DDR –  pünktlich zum 30-jährigen Bestehen des „Arbeiter-und-Bauern-Staates“ – erklärte sich das SED-Regime zum Gipfel deutscher Geschichte und schien im immerwährenden Wettstreit mit dem nationalen Systemrivalen klar die Nase vorn zu haben. Die Zukunft gehörte der DDR, und nicht der BRD, schien Jähns spektakulärer Erfolg zu signalisieren, und dass nicht allein den Westdeutschen, sondern der gesamten Welt.

Der Weltraum bildete im Verlauf des Kalten Krieges eine symbolisch hochaufgeladene Arena zweier konkurrierender Systeme: Vom ersten künstlichen Erdtrabanten Sputnik (1957) über die ersten Menschen im All, Juri Gagarin (1961) und  Valentina Tereschkowa (1963) und die erste Mondlandung durch Neil Armstrong (1969), bis hin zu Sigmund Jähns Weltraumflug im August 1978: „space-firsts“ faszinierten die Menschen weltweit und sie suggerierten über die Blockgrenzen hinaus technische, soziale und moralische Überlegenheit. Aus dieser Faszination versuchte auch die DDR Kapital zu schlagen.

Reichenbach (Vogtland)

Museum in Morgenröthe-Rautenkranz als staatliches Propaganda-Instrument

Schon bald nach Jähns Weltraumflug wurde in seinem Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz – im örtlichen Bahnhofsgebäude, um genau zu sein – eine „Ständige Ausstellung ‚erster gemeinsamer Kosmosflug UdSSR – DDR‘“ eingerichtet, die sich rasch zu einem beliebten Ausflugsziel insbesondere von Schulklassen entwickelte. Der Weltraum und die sozialistischen Erfolge im Zuge seiner Erschließung schienen den Mächtigen bestens geeignet, um die zentralen Werte der staatlichen Ideologie – Einsatzwille, Disziplin und Opferbereitschaft – in ein zeitgenössisches Gewand zu kleiden. Jähns Triumph fügte sich zudem bestens in die damaligen Bestrebungen der SED ein: zum 30-jährigen Bestehen ihres Staates wollte sie ein spezifisch sozialistisches Heimatgefühl etablieren, das den Stolz auf lokale Traditionen und Errungenschaften mit unbedingter Loyalität gegenüber der DDR-Regierung zu verbinden suchte. In der BRD hätte ein einfacher Arbeiter wie er es nie zum Astronauten geschafft, sollte Jähn in diesem Sinne bis zu seinem Tod behaupten. Tatsächlich zählte er jedoch zu den ersten Jet-Piloten der DDR und absolvierte eine steile Karriere in der Nationalen Volksarmee (NVA).

Ausstellung Museum

Neues Konzept nach dem Mauerfall gesucht

Jähn war – und ist – einer der größten Helden, die Ostdeutschland hervorgebracht hat. Trotzdem drohte der „Ständigen Ausstellung“ in Morgenröthe-Rautenkranz im Zuge des Umbruchs von 1989/90 aufgrund akuten Besuchermangels zunächst die Schließung. Allzu sehr schien sie für einen staatlich verordneten Personenkult und eine ebensolche Geschichtspolitik zu stehen. Dem Einsatz des örtlichen Gemeinderates sowie „verschiedener Persönlichkeiten der deutschen und internationalen Raumfahrt“, wie es in einem Info-Blatt des Museums heißt, ist es zu verdanken, dass sie ab 1992 unter neuem Namen – „Deutsche Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz“ – und mit verändertem Konzept weitergeführt wurde und zwar mit enormem Erfolg. 2006/2007 zog die Ausstellung aus dem ehemaligen Bahnhof in ein neues Gebäude mit wesentlich mehr Ausstellungsfläche um. Seit September 2023 wird zudem an einer zweiten Halle gebaut, um dem Interesse von jährlich etwa 70.000 Besucher:innen gerecht werden zu können. Die neue Ausstellung bietet Einblicke in die Geschichte der internationalen Raumfahrt und Weltraumforschung und wartet mit besonderen Exponaten, wie etwa einem begehbaren Basisblock der sowjetischen MIR-Raumstation, auf.    

Damit unterscheidet sie sich nur wenig von anderen Raumfahrtausstellungen wie sie etwa in Speyer oder München zu finden sind. Keine andere deutsche Raumfahrtaustellung ist indes so sehr mit einer Person verknüpft wie die in Morgenröthe-Rautenkranz. Beteiligte wie Beobachter sind sich einig, dass sie ihren späten Erfolg zu einem Großteil Sigmund Jähn selbst verdankt. Stets als nahbar und bodenständig beschrieben, hat Jähn bis zu seinem Tode im Jahre 2019 interessierte Besucher:innen immer wieder persönlich durch „seine“ Ausstellung geführt.

Liest man allerdings in den zahllosen Interviews, die er bis zu seinem Tode gegeben hat, drängt sich der Eindruck auf, als habe der erste Deutsche im All, je älter er wurde, immer weniger über den Weltraum gesprochen. Zeitgenössische Raumfahrtprojekte, wie etwa eine Expedition zum Mars, beurteilte er äußerst skeptisch, weil er darin in erster Linie Auswüchse einer räuberischen und rücksichtslosen Menschheit sah, die es nur deshalb zu fernen Planeten ziehe, weil sie ihren eigenen zerstört und ausgebeutet habe. In diesem Sinne sprach Jähn lieber über die Natur und das Pflanzen von Bäumen, das er gern als sein liebstes Hobby bezeichnete. Das finale Exponat der Ausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz bildet eine Parkbank im Wald – Jähns Lieblingsplatz, erfahren geneigte Besucher:innen und werden eingeladen, noch einmal innezuhalten und tief durchzuatmen, bevor sie die Ausstellung verlassen.

Postkarte zu Sigmund Jähn

Wandel eines Museums

Fraglos artikuliert die Weltraum-Ausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz eine starke Heimatverbundenheit und einen kaum verhüllten Stolz auf das hier Vollbrachte. Inwieweit dies auch ein Ergebnis der SED-Heimatpolitik aus den 1970er Jahren ist, muss dahingestellt bleiben. Die Wandlung der Ausstellung nach 1989/90 macht jedoch deutlich, dass die Verbundenheit mit der lokalen Heimat nicht gleichbedeutend war mit der von der SED beabsichtigten unbedingten Loyalität ihr gegenüber. Auch wenn Jähn Zeit seines Lebens die DDR als historisch gerechtfertigtes Experiment verteidigen sollte, wurde aus dem ehemaligen NVA-General nach 1989/90 ein deutschlandweit anerkannter „Botschafter der Raumfahrt“. Die außergewöhnliche Verschränkung von individueller Biographie und internationaler Raumfahrtgeschichte in Morgenröthe-Rautenkranz ist sicherlich auch ein Ergebnis ihres DDR-Erbes. Dieses Erbe jedoch erlaubt der Ausstellung dort – mehr als vergleichbare Ausstellungen andernorts in Deutschland – ein weit verbreitetes zeitgenössisches Bedürfnis nach „Authentizität“ bzw. „authentischer“ Vermittlung zu bedienen. „Sie füllen die Technik mit Leben“  pries ein Bundestagsabgeordneter Jähns Präsenz in Morgenröthe-Rautenkranz und brachte damit die Erfolgsformel der Deutschen Raumfahrtausstellung auf den Punkt.

Welchen Weg die Ausstellung nehmen wird, nachdem Jähn mittlerweile verstorben ist, muss sich zeigen. Ihre wechselvolle Geschichte macht jedoch deutlich, wie es den Verantwortlichen vor Ort nach 1989/90 gelungen ist, die DDR-Erblast aus Personenkult und Geschichtspolitik innovativ weiterzuentwickeln und das „Raumfahrtdorf im Vogtland“ erfolgreich für ein gesamtdeutsches, mithin globales Publikum zu öffnen, wie die verschiedenen Gästebucheinträge aus der ganzen Welt belegen.

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