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Kolonialismus
Kolonialismus bezeichnet ein Herrschaftssystem, in dem eine Macht politische, wirtschaftliche, kulturelle und/oder militärische Kontrolle über ein anderes Volk oder Territorium ausübt. Als europäisches Projekt begann der Kolonialismus im 16. Jahrhundert mit der gewaltsamen Besiedlung Afrikas, Australiens, den Amerikas und weiten Teilen Asiens. In diesem Zuge wurden das Land und dessen Ressourcen sowie die lokale Bevölkerung und ihre Arbeitskraft ausgebeutet. Der Kolonialismus schuf und verfestigte Ungleichheiten, indem die europäischen Mächte den kolonisierten Bevölkerungen ihre Rechte, Freiheiten und ihre Unabhängigkeit entzogen. Die europäischen Kolonialmächte rechtfertigten diese Unterdrückung durch eine vermeintliche rassische Überlegenheit und sogenannte „Zivilisierungsmissionen“. Die dadurch geschaffene binäre Logik von „wir“ und „sie“ wurde durch den Ausschluss der kolonialisierten Menschen gerechtfertigt. Infolgedessen wurden europäisches Denken, Kultur, Geschichte und Politik als „Norm“ oder als „natürlich“ dargestellt (Escobar 2007). Diese Praktiken prägten eine Weltordnung, in der ressourcenreiche Regionen von ressourcenschwachen Mächten ausgebeutet wurden – eine Dynamik, deren Auswirkungen auch nach der formellen Dekolonialisierung fortbestehen.
Neokolonialismus beschreibt die Fortsetzung kolonialer Herrschaftsmuster nach dem formalen Ende der europäischen Imperien. Obwohl viele Regionen nach dem Zweiten Weltkrieg politische Unabhängigkeit erlangten, prägen strukturelle, im Kolonialismus verwurzelte Ungleichheiten weiterhin die globalen Beziehungen und schränken echte Selbstbestimmung häufig ein. Diese neue Form der Machtausübung zeigt sich durch wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Einfluss anstelle einer direkten territorialen Kontrolle. Ehemalige Kolonialmächte – und zunehmend auch globale Institutionen und Konzerne – üben weiterhin Einfluss auf ehemals kolonisierte Regionen aus, etwa durch Handelsabhängigkeiten, Verschuldung und ideologische Macht.
Ein Beispiel für diese neokolonialen Strukturen sind die asymmetrischen Handelsbeziehungen, die die EU zu vielen Ländern des Globalen Südens unterhält. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hat die EU (bzw. ihre Vorgängerversionen) verschiedene Handelsabkommen zu diversen Staaten des globalen Südens ausgehandelt. Kritiker:innen werfen der EU vor, mit diesen Abkommen zu verhindern, dass sich in diesen Staaten eigene Industrien entwickeln können, beispielsweise weil fertige Industrieprodukte, die in die EU eingeführt werden, häufig mit deutlich höheren Zöllen belegt sind als Rohstoffe. Zudem haben europäische Firmen in den jeweiligen Ländern oftmals eine Monopolstellung inne.
Die Begriffe Globaler Norden und Globaler Süden beziehen sich auf diese anhaltende weltweite Ungleichheit. Der Globale Norden bezeichnet im Allgemeinen wohlhabendere, industrialisierte Länder oder rohstofffördernde Mächte – vor allem in Europa und Nordamerika –, die historisch vom Kolonialismus profitiert haben und weiterhin über unverhältnismäßig große wirtschaftliche und politische Macht verfügen. Der Globale Süden umfasst Regionen in Afrika, Lateinamerika, Asien und Teilen Ozeaniens, die zwar reich an Ressourcen sind, innerhalb des globalen Systems jedoch strukturell benachteiligt bleiben. Diese Begriffe sind nicht rein geografisch zu verstehen, sondern spiegeln historische und ökonomische Beziehungen wider, die durch koloniale Ausbeutung und deren Folgen geprägt sind.
Zusammen verdeutlichen diese Konzepte, dass Kolonialismus nicht nur ein historisches Phänomen ist, sondern eine fortdauernde Struktur darstellt, die globale Hierarchien, Wissensproduktion und sozioökonomische Ungleichheiten beeinflusst.
– von Lucia Mrázová, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL)
Quellen
African Minerals Development Centre (ohne Jahr): Democratic Republic of Congo (DRC), unter: https://www.africangreenminerals.com/countries/democratic-republic-of-congo (abgerufen am 30.07.2026).
Bhambra, Gurminder K. (ohne Jahr): Decoloniality, unter: https://globalsocialtheory.org/topics/decoloniality/ (abgerufen am 30.07.2026).
Brüggmann, Mathias / Hoffbauer, Andreas (2009): „Chinesischer Neokolonialismus“. China zückt politisches Scheckbuch, 22.09.2009, in: https://www.handelsblatt.com/politik/ international/chinesischer-neokolonialismus-china-zueckt-politisches-scheckbuch- seite-2/3263716-2.html (abgerufen am 24.04.2023).
Escobar, Arturo (2007): Worlds and knowledges otherwise. The Latin American modernity/coloniality research program, in: Cultural studies, 21(2-3), 179-210.
Kohn, Margaret / Kavita Reddy (2006/2023):, Colonialism in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Summer 2024 Edition), Edward N. Zalta & Uri Nodelman (Hrsg.), unter: https://plato.stanford.edu/archives/sum2024/entries/colonialism/ (abgerufen am 30.07.2026).
Livingstone, Emmet (2024): D.R. Congo’s mining capital is at the heart of Biden’s bid to counter China in Africa, 04.12.2024, unter: https://www.npr.org/2024/12/04/nx-s1-5208953/dr-congo-mining-capital-us-china-lobito-corridor-minerals-copper-africa-angola (abgerufen am 30.07.2026).
University of Exeter (2026): Introduction to Decolonisation, unter: https://introductiontodecolonisation.com/glossary-of-key-terms/ (abgerufen am 30.07.2026).
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