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Krise
Krisen werden verstanden als Scheide- und Entscheidungspunkte. In der Krise ist es nicht mehr möglich, einer Bedrohung auszuweichen. Einschneidende Maßnahmen müssen unmittelbar getroffen werden. Große Veränderungen zeichnen sich ab.
Krisenkonzepte beschreiben die Bedrohung, von der die Krise ausgeht, als existenziell. In jedem Fall handelt es sich um ein Problem, das sich von gewöhnlichen politischen Herausforderungen unterscheidet. Vorhandene Normen und Praktiken sind scheinbar nicht mehr geeignet, die Bedrohung abzuwehren oder zu bewältigen. Krisen betreffen öffentliche Güter wie die Sicherheit, die Gesundheit oder die Umwelt, aber auch fundamentale Werte und Normen einer Gesellschaft. Wir sprechen dann von einer Krise, wenn diese Güter, Werte und Normen grundsätzlich bedroht sind und diese Bedrohung nur durch schnelles Handeln abgewendet werden kann. Die fundamentale Herausforderung besteht nicht zuletzt darin, dass ein hoher Zeitdruck für die Entscheidung besteht, dass aber zugleich wesentliche Informationen für die Entscheidung nicht verfügbar, unvollständig oder unsicher sind. Diese Unsicherheit und der unmittelbare Handlungs- bzw. Entscheidungsdruck kennzeichnen den spezifischen politischen Charakter von Krisen.
In dem Sinne können also auch Bedrohungen, deren Grad der Gefährdung gar nicht existenziell ist, sich zu Krisen verdichten, wenn sie vorhandene Routinen überfordern. Ein Beispiel hierfür wäre die Überforderung der Verwaltung mit dem Phänomen einer großen Anzahl von Geflüchteten 2015. Denn dieses war durchaus bewältigbar, wie Lernprozesse illustrieren, in deren Folge Verfahren so reformiert wurden, dass beispielsweise bereits 2022 sehr viel besser mit der großen Anzahl ukrainischer Geflüchteter umgegangen werden konnte (Behnke 2022, 12:06-24:24). Andererseits lösen existenzielle Gefahren dann keine Krise aus, wenn ihre Risiken kalkulierbar und politisch eingehegt sind. Dies waren etwa lange Erfolge im Bereich der Rüstungskontrolle und Abrüstung, die in jüngerer Vergangenheit fragil geworden sind.
Eine mess- bzw. begründbare Bedrohung ist ein wichtiges Element der Krisenbeschreibung. Ein ebenso wichtiges und gleichfalls unverzichtbares Element ist die Wahrnehmung der Bedrohung als Krise. Thomas Mergel beschrieb die Krise als Wahrnehmungsphänomen, als „Formen der Selbstbeschreibung einer Gesellschaft, die sich so ebenso ihrer Reformbedürftigkeit wie ihre Wandlungsfähigkeit vergewissert“ (Mergel 2012, S. 13).
Dies bedeutet nicht, eine objektive (messbare) und eine subjektive (wahrnehmbare) Ebene der Krise zu unterscheiden. Wie Rosenthal und Kouzmin bereits in den 1990er Jahren betonten, folgt aus der Wahrnehmung einer Bedrohung als Krise, dass diese Bedrohung auch in der Konsequenz daraus eine Krise mit objektiven Folgen ist (Rosenthal und Kouzmin 1997, S. 285). Krisen können also verstanden werden “als die breite öffentliche Wahrnehmung bedrohlicher gesellschaftlicher Herausforderungen, die unmittelbare grundlegende Entscheidungen und Veränderungen zu ihrer Lösung verlangen. Die Definition verbindet damit reale Probleme, deren Perzeption und eine Handlungsebene.“ (Bösch et al. 2020, S. 5)
– von Dr. Stefan Kroll, Leiter der Abteilung für Wissenschaftskommunikation und Senior Researcher im Programmbereich Internationale Institutionen am Leibniz-Institut für
Friedens- und Konfliktforschung
Quellen:
Behnke, Nathalie [dvpw] (2023): PoWi im Gespräch: Flucht und Integration. Herausforderungen für die öffentliche Verwaltung. [YouTube], https://youtu.be/ZHtFLSpjmpI?si=CKvYNHCw82cuJ9mD
Bösch, Frank; Deitelhoff, Nicole; Kroll, Stefan; Thiel, Thorsten (2020): Für eine reflexive Krisenforschung. Zur Einführung. In: Frank Bösch, Nicole Deitelhoff und Stefan Kroll (Hg.): Handbuch Krisenforschung. Wiesbaden: Springer VS.
Mergel, Thomas (2012): Krisen als Wahrnehmungsphänomene. In: Thomas Mergel (Hg.): Krisen verstehen. Historische und kulturwissenschaftliche Annäherungen. Frankfurt / New York: Campus Verlag, S. 9–22.
Rosenthal, Uriel; Kouzmin, Alexander (1997): Crises and Crisis Management. Toward Comprehensive Government Decision Making. In: Journal of Public Administration Research and Theory 7 (2), S. 277–304.
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