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9. November 2025
Zeitenwenden – Der 9. November in der deutschen Geschichte
Der 9. November ist ein ambivalentes Datum in der deutschen Geschichte. Gleich vier wichtige Ereignisse fanden an jenem Tag im 20. Jahrhundert statt, nicht alle von ihnen waren gut. Gerade deshalb eignet er sich als Nationalfeiertag.
Der 9. November gilt als der Tag der Umbrüche in Deutschland. Gleich vier bedeutende Umbruchsereignisse des 20. Jahrhunderts fielen auf diesen Tag. Am 9. November 1918 endete das Deutsche Kaiserreich mit der Ausrufung der Republik. Genau fünf Jahre später, am 9. November 1923, versuchte Adolf Hitler mit Erich Ludendorf, sich in München an die Macht zu putschen und die Weimarer Republik zu stürzen, was ihm knapp zehn Jahre später tatsächlich gelang. Am 9. November 1938 brannten in ganz Deutschland die Synagogen, zahllose jüdische Geschäfte wurden zertrümmert und viele jüdische Menschen wurden ermordet. Das Novemberpogrom gilt deshalb als ein entscheidender Schritt zum Holocaust. Der 9. November 1989, an dem die Berliner Mauer fiel, beendete schließlich die deutsche Teilung, die ein Resultat des deutschen Vernichtungskriegs war. So hängen alle vier Novemberereignisse historisch zusammen.
Die Ereignisse vom 9. November waren wichtige Wendepunkte der Zeitgeschichte. Insbesondere bei 1918 und 1989 handelte es sich um Zeitenwenden, also um fundamentale Umbrüche, die gesellschaftliche Ordnungen auf den Kopf stellten. Die Novemberereignisse veränderten die Perspektive, indem sie den Sehepunkt verschoben: Was eben noch Gegenwart war, wurde plötzlich Geschichte.
Dabei neigen wir dazu, die Umbrüche als absolut zu setzen. Alle Novemberereignisse hatten ihre Vor- und Nachgeschichten und täuschen darüber hinweg, in welche längeren Entwicklungen sie eingebettet sind. Trotz der Novemberrevolution von 1918 behielten viele alte Eliten des Kaiserreichs großen politischen Einfluss, den sie zur Bekämpfung der Weimarer Republik nutzten. Das Novemberpogrom von 1938 stand in einer langen Kette staatlicher Maßnahmen zur Entrechtung und Verfolgung jüdischer Menschen, die bereits 1933 begann und erst 1945 endete. Selbst der Fall der Mauer 1989 fiel nicht einfach so vom Himmel, sondern war Teil einer längeren Umbruchsphase, die Forscher:innen im Leibniz-Lab als „Lange Geschichte der ‚Wende'“ bezeichnen. Viel wichtiger als Ereignisse sind also oft Strukturen, die sich über längerfristige Transformationsprozesse verändern.
Wie wir heute an den 9. November erinnern
Für die Erinnerungskultur sind Ereignisse allerdings von entscheidender Bedeutung. Das gilt auch für die Novemberereignisse, die die deutsche Erinnerungskultur bis heute maßgeblich prägen. Doch auch die Erinnerung transformiert sich und unterliegt einem steten Wandel, weil sich die Gesellschaft verändert. Die Novemberrevolution von 1918 erfuhr zum 100. Jahrestag neue Aufmerksamkeit, weil runde Jahrestage unsere Erinnerungskultur strukturieren. Sie gewann aber auch an Aktualität, weil viele Menschen heute Analogien zu den Krisen der Weimarer Republik ziehen, die auf die unvollendete Revolution folgten. Dagegen gilt dem Hitler-Ludendorf-Putsch von 1923 weitaus weniger Aufmerksamkeit, obwohl das Ereignis auf besondere Weise die Bedrohung der Demokratie durch die radikale Rechte verdeutlicht.
Das Novemberpogrom von 1938 besitzt einen zentralen Stellenwert in der deutschen Erinnerungskultur. Doch die mahnende Bedeutung des Datums verliert an Kraft angesichts eines wiedererstarkenden Antisemitismus. Dabei ist das Pogrom aktueller denn je. Die furchtbaren Ereignisse von 1938 stehen überdies in einem scharfen Kontrast zum Mauerfall von 1989. Es gehört daher zu den großen geschichtspolitischen Herausforderungen, am 9. November gleichermaßen an die dunkelsten und an die hellsten Stunden der deutschen Geschichte zu erinnern.
Ein ambivalentes Datum
Der 9. November ist ein sperriges Datum. Weil er nicht allein zum Feiern einlädt, wurde der profane 3. Oktober zum deutschen Nationalfeiertag ausgewählt. Dabei wäre der 9. November eigentlich eine kluge Alternative zum Tag der Deutschen Einheit, weil er die ganze Ambivalenz der deutschen Geschichte in sich vereint und Anlass zum kritischen Nachdenken bietet. Insofern passt der 9. November viel besser zu unser postheroischen Erinnerungskultur, die sich vom traditionellen Heldengedenken verabschiedet und stattdessen das Opfergedenken in den Mittelpunkt stellt.
Die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wird sehr deutlich, wenn am 9. November vielerorts in Deutschland die Stolpersteine vor den Häusern geputzt werden. Dies geschieht spontan aus der Zivilgesellschaft heraus. Unsere Erinnerungskultur wird also nicht staatlich verordnet, sondern ist ein lebendiges Ringen vielfältiger Akteure. In einer pluralen Gesellschaft gibt es sehr unterschiedliche Positionen und geschichtspolitische Interessen. So wird die deutsche Erinnerungskultur in jüngerer Zeit von postkolonialen Perspektiven erweitert und herausgefordert, die den Blick auf deutsche Gewalttaten in den Kolonien lenken und den deutschen Novemberereignissen somit einen anderen Stellenwert beimessen.
Der 9. November trägt viele Namen
Das Ringen um die Erinnerung zeigt sich nicht zuletzt in den konkurrierenden Begriffen für die Novemberereignisse. Die Feinde der Novemberrevolution von 1918 sprachen verschwörerisch vom „Dolchstoß“. Das mörderische Novemberpogrom von 1938 hieß lange Zeit verharmlosend „Reichskristallnacht“. Und für den Umbruch von 1989 herrscht bis heute Uneinigkeit, wie die Ereignisse angemessen bezeichnet werden sollen. Viele frühere Bürgerrechtler bevorzugen den Begriff „Friedliche Revolution“ – wohl gemerkt mit großem „F“, um den Umbruch von 1989 in die Tradition der Französischen Revolution von 1789 zu stellen.
Sie lehnen den Begriff der „Wende“ vehement ab, weil er zunächst von der SED hervorgebracht wurde, um der geschwächten Staatspartei ein reformerisches Antlitz zu verleihen und so die eigene Macht aufrechtzuerhalten. Die ostdeutsche Bevölkerung „entwendete“ der SED jedoch den „Wende“-Begriff und verwendet ihn zum größten Teil noch heute, um den fundamentalen Wandel der eigenen Lebenswelt zu benennen, der damals ausnahmslos jeden Menschen in Ostdeutschland betraf. So ist die Wende vom 9. November 1989 für viele Ostdeutsche bis heute die entscheidende Zeitenwende.
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