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28. Dezember 2025
Auf der Flucht – Die Geschichte von Mouhamed
Die Stadt Leipzig hat sich seit den 1990er Jahren durch Zu- und Wegzüge stark gewandelt. Die Herkünfte der Bewohnerinnen und Bewohner sind immer vielfältiger geworden. Ihre Lebensgeschichten sind eng mit wichtigen stadtgeschichtlichen Ereignissen verbunden. So auch das Leben von Mouhamed aus Kamerun.
„Wir leben wie Gefangene unter freiem Himmel. Verstehst du das? Wenn du keine Aufenthaltsgenehmigung hast, bedeutet das, dass deine Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist und du dich nicht entfalten kannst.“
– Mouhamed
An einem normalen Wochentag ist das Leben in der Stadt betriebsam. Viele unterschiedliche Menschen gehen eifrig ihren Tätigkeiten nach. Einige würden gerne eine Beschäftigung aufnehmen, aber sie können es nicht – sie sind gezwungen zu warten. Mouhamed ist einer von ihnen. Er wurde 1994 in Kamerun geboren und hat Politikwissenschaften studiert. Nach einem sehr langen Fluchtweg will er im August 2020 in Leipzig Fuß fassen. Sein Ziel ist es ein “nützlicher“ Bürger zu werden. Er will seine Ausbildung abschließen und zeigen, dass er einen wertvollen Beitrag für die Stadtgesellschaft leisten kann. Dabei gibt es viele Hindernisse für ihn. Begleite ihn auf seinem schwierigen und ungewissen Weg nach und durch Leipzig.
Ankunft in Leipzig
Mouhamed kommt unter den Bedingungen der Coronakrise nach Leipzig. Daher muss er zunächst für zwei Wochen in eine Quarantäneunterkunft, bevor er sechs Monate in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete und schließlich fast zwei Jahre in einer Gemeinschaftsunterkunft verbringt. Als Mouhamed im Erstaufnahmezentrum Max-Liebermannstraße aufgenommen wird, ist er noch voller Optimismus. Diese erste Zeit in der neuen Stadt erscheint ihm sehr lebendig und er kann neue Kontakte knüpfen. Du wirst sehen, dass diese Hoffnung später Stück für Stück schwindet.
„Die erste Zeit war sehr lebendig und ich habe mich sehr gut in das Lager integriert. Ich schloss Freundschaften mit Menschen aus anderen Ländern und begann die deutsche Sprache selbst zu lernen.“
– Mouhamed
Erstaufnahmezentren sind in der Regel erste anerkannte, offizielle Ankunftsorte für Asylbewerber in Deutschland. Die Einrichtungen stellen eine Art Übergangszone dar: Menschen in einer sehr verletzlichen Situation soll Orientierung im Alltag und Perspektive gegeben werden. Oft müssen verschiedene Verhaltensweisen und Gewohnheiten der Ankommenden miteinander in Einklang gebracht werden. Lärm, fehlende Privatheit und die Notwendigkeit, sehr unterschiedliche kulturelle Hintergründe zu respektieren sind sehr große Herausforderungen in dieser Umgebung.
Das Leipziger Wohnkonzept der dezentralen Unterbringung für Geflüchtete sieht vor, dass Asylsuchende möglichst schnell nach ihrer Ankunft in eine eigene Wohnung außerhalb einer Gemeinschaftsunterkunft ziehen können: in Wohnhäuser, Übergangswohnungen und -heime für Geflüchtete, die über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind.
Seit seiner Ankunft in Leipzig unternimmt Mouhamed viel, um in der Stadtgesellschaft anzukommen. Er macht Sprachkurse und engagiert sich ehrenamtlich. Menschen, die in den Vereinen und soziokulturellen Einrichtungen der Stadt aktiv sind und sich für die Belange Migrierter und Geflüchteter einsetzen, helfen ihm bei Behördengängen und dabei, einen Praktikumsplatz und eine eigene Wohnung zu finden. Auf der Karte kannst du die unterschiedlichen Vereine und Organisationen kennenlernen, die versuchen, Menschen, die neu in Leipzig sind, zu unterstützen.
Nicht dazugehören
Für seine Wege in der Stadt, zu Behörden und Ärztinnen und Ärzten benutzt Mouhamed häufig die Straßenbahn. In dieser Umgebung spürt und sieht er besonders oft, dass er anders behandelt wird als andere Menschen. So wird er auffällig häufig kontrolliert oder Fahrgäste nehmen nicht direkt neben ihm Platz – dann fühlt er sich sehr ausgeschlossen. Wie ein Fremder! Ausgrenzende Blicke und herabsetzende Formen des miteinander Sprechens und Umgehens auf Grund der Herkunft werden auch Alltagsrassismus genannt. Durch solche Erfahrungen beobachtet Mouhamed das Miteinander der Menschen in der Stadt sehr genau. Er weiß: Die Art und Weise der Begegnungen im öffentlichen Raum sind für das Funktionieren der Stadtgesellschaft von großer Bedeutung.
„Der öffentliche Raum an sich ist nicht homogen. Und angesichts dieser Vielfalt im öffentlichen Raum braucht man Toleranz, Akzeptanz, Geduld und manchmal Feingefühl bei den Äußerungen, die man im öffentlichen Raum macht, das ist sehr wichtig.“
– Mouhamed
Alltägliche Begegnungen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern in der Stadt finden nicht nur in der Straßenbahn statt, sondern auch in der Schule, in der Arbeit, im Sprachkurs oder auch im Supermarkt. Sie können positiv und hilfsbereit verlaufen, aber auch ausgrenzend und feindlich. Um sich auf den Wegen in der Stadt wohlzufühlen, in Sicherheit und zugehörig, hängt stark von davon ab: Wie schauen mich die Menschen an? Wie sprechen sie mit mir? Wie wird aufeinander Acht gegeben? Kleine Gesten, wie das Helfen mit dem Kinderwagen oder seinen Sitzplatz anzubieten können mehr Positives bewirken als man denken mag. Auch die öffentlichen Grünanlagen in Leipzig sind Orte an denen sich die Stadtgesellschaft begegnet.
Eine Ruheoase
Mouhamed sitzt nachdenklich auf einer Bank im Schönauer Park und betrachtet seine Hände. Gerne verbringt er seine Zeit in der Grünanlage. Hier kann er entspannen, nachdenken aber auch lesen. Lesen bedeutet für ihn Bildung und Bildung ist für ihn ausschlaggebend für eine gerechtere Welt und ein faires Miteinander. Wenn er liest, kann er vergessen. Beim Lesen und Nachdenken im Park stellt er sich viele Fragen über sein Leben, über seine ungewisse Zukunft und wie alles weitergehen soll. Hierher zieht er sich auch oft zurück wenn sein Kopf raucht. Dann geht er sich die Natur anschauen – oder er geht joggen, um mit dem Stress, der Unsicherheit und depressiven Phasen klarzukommen.
Wenn Mouhamed im Park Pause machen kann, freut er sich, wenn er dort manchmal Kinder beim Spielen beobachten kann. Dann denkt er an seine eigene Kindheit in Kamerun und er erinnert sich, dass er nicht die gleichen Startchancen hatte:
„Die Kinder hier wirken glücklich. Ich hatte nicht dieses Glück, ich hatte nicht dieses Glück, all diese Dinge zu machen, als ich in ihrem Alter war. Immer unterdrückt, immer auf der Flucht, immer gefoltert. Meine Eltern haben zwei unterschiedlichen Religionen angehört, und da gibt es diesen Religionskrieg, der hat meine Kindheit und meine Jugend zerstört.“
– Mouhamed
Mit den Parks in der Stadt verbindet er aber nicht nur Ruhe und Entspannung. Oft übernachtete er in den Grünanlagen, weil sein Aufenthaltsstatus in Deutschland immer noch nicht geklärt war und er Angst hatte, abgeschoben zu werden. Dann war die Angst sein ständiger Begleiter.
„Ja, ich hatte jeden Tag Angst. Ich habe in den Parks in Deutschland geschlafen. Ich habe hier im Park geschlafen, weil ich Angst hatte, abgeschoben zu werden…Du weiß nicht, wann sie kommen, um dich abzuholen. Du weißt es nicht. Du fühlst dich nicht beschützt.“
– Mouhamed
In der Nähe des Schönauer Parks hat Mouhamed nach über zwei Jahren endlich eine neue Bleibe gefunden. Von hier zu seiner kleinen Wohnung im Stadtteil Grünau, sind es zu Fuß nur etwa zehn Minuten.
Eine neue Heimat?
Mouhamed steht heute in Gedanken verloren am Fenster seiner kleinen Wohnung im Stadtteil Grünau-Mitte. Seit 2023 lebt er hier. Hier wartet er täglich darauf eine Nachricht zu seinem Aufenthaltsstatus in Deutschland zu bekommen. Er kommt sehr wenig unter Leute, denn er verbringt zehn bis zwölf Stunden am Tag am Computer: Er macht eine Online-Ausbildung und einen Sprachkurs. Durch die mit der Bildschirmarbeit einhergehende Isolation fällt er manchmal in ein tiefes Loch. Am meisten belastet ihn jedoch, dass er nicht planen kann, denn seine Zukunft ist bis heute unklar. So bestehen seine Wochen aus Warten und Unsicherheit. Mouhamed geht mehrmals täglich zum Briefkasten in der Hoffnung, von den Behörden Neues zu seinem Aufenthaltsstatus zu erfahren.
Da er keine Aussicht hat, sich langfristig in Deutschland aufzuhalten, stellt er die Mühen und Anstrengungen der letzten Jahre und seine Zukunft immer öfter in Frage.
„Manchmal ist es extrem schwierig. Es ist so schwierig, dass du sogar glaubst, dass es nie eine Lösung geben wird. Aber ich bin hier, bin hier. Aber ich weiß nicht, was morgen passieren wird. Vielleicht gibt es wieder neue Bestimmungen vom deutschen Innenminister die mir Angst machen… In meinem Kopf ich bin so müde… ich bin schon tot, innerlich lebe ich gar nicht richtig.“
– Mouhamed
Sein neuer Wohnort, die Großwohnsiedlung Grünau, eine „Platte“ wie viele sagen, hat sich seit ihren Anfängen in den 1980er-Jahren stark gewandelt. Seit 2015 sind Menschen aus unterschiedlichen innerstädtischen Quartieren neu nach Grünau gezogen. Dass Geflüchtete nach ihrer Ankunft in großen Gemeinschaftsunterkünften und später dezentral in kleineren Gemeinschaftsunterkünften oder in Mietwohnungen untergebracht werden, lässt sich aus den Umzugsbewegungen nur erahnen. So zeigen sich besonders im Jahr 2018 engere Wanderungs-verflechtungen zwischen Grünau und dem Ortsteil Möckern – dem Standort der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete. Dort war auch Mouhamed bei seiner Ankunft untergebracht. In Grünau verfügt die Stadt Leipzig über Wohnraum, der im Sinn der dezentralen Unterbringung Geflüchteter bereitgestellt wird.
Seit 2015, dem Jahr der großen Fluchtzuwanderung nach Deutschland, hat sich der Umgang mit geflüchteten Menschen in Politik und Gesellschaft stark verändert. Ausgrenzende und auch feindliche Haltungen im Umgang mit geflüchteten Menschen sind in der Gesellschaft wieder präsenter geworden. Sie sind kein neues Phänomen, haben aber deutlich zugenommen – leider auch bei Jugendlichen. Asyl zu beantragen und Schutz zu erhalten, ist ein grundlegendes Menschenrecht. Auch Mouhamed sieht sich auf seiner langen Reise und seit er in Leipzig lebt immer wieder mit Vorurteilen, Ablehnungen und Ausgrenzungen konfrontiert. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass hinter jeder Fluchtgeschichte ein Mensch mit Hoffnungen, Erfahrungen und dem Wunsch nach Sicherheit und Würde steht.
„Wisst ihr, dass diese Person in der Lage ist, etwas in der Gesellschaft beizutragen. Selbst wenn sie noch keinen Aufenthaltstitel hat, macht ihr das Leben nicht so schwer. So ist meine Art zu denken. Das ist meine Art, die Dinge zu sehen.“
– Mouhamed
Mouhameds Geschichte wurde dokumentiert als Teil des Projekts „Stadt in Bewegung“. Das Projekt wird vom Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) und dem Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut (GEI) durchgeführt und vom Leibniz-Lab finanziert. Mehr Hintergrundinformationen zu Mouhameds Geschichte sowie weitere Biographien aus dem Projekt „Stadt in Bewegung“ findest du hier.
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