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Männer laden koffer auf ein Auto

2. Januar 2026

Fotografien der Künstlerin Rita Ostrovska: Ein Spiegelbild (post-)sowjetisch-jüdischer Erfahrung

2001 emigriert die jüdische Künstlerin Rita Ostrovska aus der Ukraine nach Deutschland. Im Gepäck hat sie Fotografien, die das jüdische Leben in Osteuropa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dokumentieren. Nun wird ihre Sammlung digital ausgestellt.

Portrait von Dr. Julia Roos.

Dr. Julia Roos

Wissenschaftskommunikation

Institut: Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow

E-Mail: roos@dubnow.de

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„Im Grunde begann unser Weg nach Deutschland bereits im Dezember 1997. Bei schrecklicher Kälte stand ich in langen Schlangen vor der Deutschen Botschaft in Kiew, um einen Termin und die notwendigen Formulare für einen Visumsantrag zu erhalten“, erinnert sich Rita Ostrovska über zwei Jahrzehnte später. Die 1953 in Kiew geborene Künstlerin zog im September 2001 von der ukrainischen Hauptstadt nach Kassel, zusammen mit ihrem Mann, ihrem Sohn und ihren Eltern.
 
Mit ihrer Ausreise aus der Ukraine nach dem Zusammenbruch des Ostblocks ist Rita Ostrovska Teil einer Massenbewegung: Seit 1989 verließen fast drei Millionen Jüdinnen und Juden die (ehemalige) Sowjetunion und emigrierten vor allem nach Israel und in die USA. Im wiedervereinigten Deutschland wurden rund 220.000 »jüdische Kontingentflüchtlinge«, vorwiegend aus der Ukraine, aufgenommen.

30 Stunden fuhren Rita Ostrovska und ihre Familie in einem Transporter voller Taschen, Koffer und persönlicher Dinge, bis sie am 11. September 2001 in der Erstaufnahmeunterkunft in Kassel ankamen. Als Künstlerin war Rita Ostrovska davor mehrmals in Deutschland gewesen, um ihre Fotografien auszustellen. Doch, so betont sie rückblickend, »ist es eine Sache, kurz für eine Fotoausstellung nach Deutschland zu fahren, und eine andere, seinen ständigen Wohnsitz hierher zu verlegen.« In Kassel traf die Künstlerin ihre Eltern wieder, die im Frühjahr 2001 ausgereist waren. Auch Freunde der Familie lebten bereits vor Ort. An der Kunsthochschule Kassel konnte Rita Ostrovska schließlich ein Studium der Visuellen Kommunikation abschließen. 2010 eröffnete sie dort ihr Atelier für Fotografie, Keramik und Grafik „KunstVision“.

Mit im Gepäck hatte die Künstlerin also ihr bisheriges Werk, ein Archiv, das die Umbrüche und Zäsuren des 20. Jahrhunderts spiegelt: den Zusammenbruch des Ostblocks, Flucht- und Migrationsbewegungen und damit korrelierende Sprachwechsel und Mehrfachzugehörigkeiten, Integration und Ausgrenzung sowie die Omnipräsenz des Antisemitismus.

Kinder sitzen mit ihrer Lehrerin gemeinsam an einem langen Tisch

Jüdisches Leben in der Kernzone des „Jahrhunderts der Extreme“

In den Koffern befand sich auch eine Vielzahl einzigartiger Fotografien: Für ihre Serie „Jüdisches Album“ hatte Rita Ostrovska Orte traditionellen jüdischen Lebens in der Ukraine, die Schtetl, fotografiert. Bedingt durch Pogrome und Ausweisungen, unter anderem während der Pestepidemie 1348/49, wanderten Jüdinnen und Juden ins mittlere und östliche Europa aus. Als klassische jüdische Siedlungsform entstanden dort die Schtetl als besonderer jüdischer Kulturraum und einer eigenen Sprache: dem Jiddischen. Trotz Gewalt, Krieg und Pogromen war das mittlere und östliche Europa bis zum Zweiten Weltkrieg das Zentrum jüdischen Lebens.
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten einige dieser Schtetl, unter vollständig veränderten Rahmenbedingungen, wieder auf. Die Religion war unter dem Sowjetregime offiziell verboten. Rita Ostrovska wusste aufgrund des Eintrags in ihrem sowjetischen Pass, dass sie Jüdin war, die Religion selbst praktizierte sie nicht. Doch in den Schtetl wurden die Traditionen im Verborgenen bewahrt. Jüdinnen und Juden begingen heimlich die Festtage und buken zu Pessach Matza. Sie sprachen Jiddisch vermischt mit Russisch und Ukrainisch. „Als ich 1989 zum ersten Mal nach Schargorod kam, war ich fasziniert davon, dass es dort noch „echte Juden“ gab, die sich für ihr Jüdischsein weder schämten noch es versteckten, wie wir in Kiew“, so formuliert es Rita Ostrovska rückblickend.
 
Zwischen 1989 bis 2001 besuchte Rita Ostrovska insgesamt 43 dieser Schtetl und Städte im Südwesten des Landes , unter anderem Schargorod, Tschernewtsy, Berdytschiw, Mohyliw-Podilskyj und Berschad. All diese Orte liegen in jener Region, die der Osteuropahistoriker Karl Schlögel als „Kernzone des ‚Jahrhunderts der Extreme‘“ bezeichnet, gelegen an der Hauptfront des Kriegs zwischen Nationalsozialismus und Sowjet-Kommunismus.

Während des Zweiten Weltkriegs ermordeten die Deutschen und ihre Kollaborateure nahezu all jene Jüdinnen und Juden, die nicht rechtzeitig fliehen konnten. Doch auch im Holocaust wurde das jüdische Leben in der Region nicht vollständig zerstört: Insbesondere in jenen Städten der Ukraine, die von 1941 bis 1944 im rumänisch besetzten ‚Gouvernement Transnistrien‘ lagen, konnte ein etwas größerer Teil der jüdischen Bevölkerung den Holocaust überleben. In diesem kleinen Gebiet gab es auch nach dem Zweiten Weltkrieg jenes traditionelle jüdische Leben, das Rita Ostrovska Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre mit der Kamera festhalten sollte – trotz des Antisemitismus, der in der Sowjetunion zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Formen annahm.

Fünf Männer sitzen in einer Synagoge. Vier von ihnen schauen in die Kamera einer schaut in ein Heft.

Erkundungen einer verschwindenden Welt

Vor Ort recherchierte Rita Ostrovska zudem zur Geschichte der jüdischen Gemeinden und deren Vernichtung im Holocaust. Denn bis zur Perestroika stand  vielerorts der Universalismus des Kommunismus der Benennung der Spezifik des jüdischen Schicksals im Weg. Eine Erinnerung an das jüdische Leiden war aufgrund der offiziellen sowjetischen Geschichts- und Erinnerungspolitik mit ihrem Fokus auf den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg nicht möglich. In Berdytschiw verschwand beispielsweise 1953 ein Gedenkstein kurz nach seiner Errichtung: Er sollte auf dem Gelände eines Flugplatzes, auf dem die größte der Massenerschießungen stattfand, den ermordeten Jüdinnen und Juden gedenken.

Rita Ostrovska sprach mit den Menschen, deren Biografien und Familiengeschichten geprägt waren von eben jener Doppelerfahrung: der deutschen Vernichtung und der verschwiegenen Erinnerung in der Sowjetunion. Sie ließ sich traditionelle Lieder vorsingen und nahm all das auf Kassetten auf, die sie bis heute in ihrem Archiv aufbewahrt. Viele berichteten dabei von ihren Emigrationsplänen. Während Rita Ostrovska die Welt der Schtetl erkundete, war diese bereits im Verschwinden begriffen: Die Menschen saßen buchstäblich auf gepackten Koffern, die Umbrüche von 89/90 ermöglichten erstmalig die Ausreise.

Jenen ‚Emigranten‘ reiste Rita Ostrovska hinterher, fotografierte 1993 in den USA, vor allem in Brooklyn/New York, von 1994 bis 1996 in Deutschland, insbesondere ihre bereits emigrierten Verwandten und Freunde, und 1997 in Israel. So entstand eine globale Serie der jüdischen Migrationsbewegung der 1990er-Jahre, ausgehend von den ukrainischen Schtetl.

Diese Orte wiederum besuchte Rita Ostrovska ein letztes Mal in den Jahren 2000 und 2001 vor ihrer eigenen Ausreise. Ihre Aufnahmen verdeutlichen, wie stark sich die Städte durch die Emigration der Jüdinnen und Juden verändert hatten: Die Häuser waren verlassen, die Straßen menschenleer, dort, wo zehn Jahre zuvor in der Sonntagsschule Kinder lärmten, trafen sich nur noch wenige, meist ältere Menschen.

Jüdische Gegenwart in Deutschland

Ihre letzten Fotografien des „Jüdischen Albums“ machte Rita Ostrovska während ihrer eigenen Emigration: Die Aufnahmen der Ausreise sowie des Unterwegsseins und des Ankommens ihrer Familie in Kassel bilden den Abschluss der Serie. Durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion erhielt jüdisches Leben in Deutschland eine neue Sichtbarkeit; auch das Selbstverständnis wandelte sich. Die jüdische Gegenwart in Deutschland ist stark geprägt von der familiären Herkunft der Gemeindemitglieder aus dem östlichen Europa, ihren Migrationserfahrungen sowie ihrer Muttersprache Russisch.

Die Immigration von Jüdinnen und Juden aus dem östlichen Europa ist der deutschen Mehrheitsgesellschaft kaum präsent, obwohl in der Regel weit mehr als 90 Prozent der Mitglieder der Jüdischen Gemeinden diese Erfahrung teilen. Doch in jüngster Zeit findet die postsowjetisch-jüdische Perspektive in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ihren Ausdruck, etwa mit Büchern von Lena Gorelik, Sasha Marianna Salzmann, Dmitrij Kapitelman, Olga Grjasnowa. Jüdische Museen suchen mit Projekten wie den »Objekttagen« des Jüdischen Museums Berlin nach neuen Wegen, diese neue jüdische Gegenwart museal zu integrieren.

Aktuell wird das analog überlieferte Archivgut von Rita Ostrovska in hybrider Form in die Sammlung des Deutschen Kunstarchivs am Germanischen Nationalmuseum aufgenommen, was eine Pionierarbeit darstellt. Die Sammlungsstrategien und Ausstellungstätigkeit der allgemeinen Kulturhistorischen Museen so neu zu denken, dass auch die postsowjetisch-jüdische Erfahrung als integraler Bestandteil der Stadtgeschichte erzählt und wahrgenommen wird, ist ein Prozess, der noch ganz am Anfang steht. Doch zeigt sich bereits jetzt eine produktive Unruhe, die hierdurch in das Archiv und Museum einzieht und noch zahlreiche spannende Funde und Erkenntnisse mit sich bringen wird. Das Projekt wird finanziert durch das Leibniz-Lab „Umbrüche und Transformationen“.


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