Beitrag
6 Min.
16. März 2026
Status quo im Umbruch: Ostjerusalem im Ramadan 2026
Seit Jahren steigen die Spannungen zwischen Israel und Palästina um den Tempelberg in Ostjerusalem. Besonders im Ramadan droht der Status Quo umzubrechen. Warum ist der Konflikt zwischen Juden und Arabern gerade dort so groß?
Während des Ramadans gerät Ostjerusalem regelmäßig in die Schlagzeilen. Dabei geht es weniger um die bunten Ramadan-Traditionen in der Stadt oder um die generelle religiöse Bedeutung des Tempelbergs (arab.: Haram asch-Scharif, das ehrwürdige Heiligtum / hebr.: Har ha-Bajit, Berg des Hauses bzw. Tempels), der sowohl im Islam als auch im Judentum als besonders heilige Stätte gilt. Vielmehr ging es bei den Medienberichten in den vergangenen Jahren meist um Ausschreitungen, Zugangsbeschränkungen für Gläubige, Provokationen jüdischer Extremist*innen und Debatten um den Status der heiligen Orte.
Der diesjährige Ramadan zwischen 18. Februar und (voraussichtlich) 19. März findet in Jerusalem vor dem Hintergrund einer besonders angespannten lokalen und regionalen Situation statt, hervorgerufen vor allem durch den brüchigen Waffenstillstand nach dem Gaza-Krieg, weitere regionale Kriege, die Auswirkungen des Hamas-Angriffs in Israel sowie die vor allem durch Angriffe von jüdischen Siedler*innen eskalierende Gewalt im Westjordanland. Hinzu kommt die jüngste Verordnung der israelischen Regierung, mit der der Tempelberg sowie alle anderen religiösen Stätten in Jerusalem wegen des Iran-Kriegs geschlossen wurden – inzwischen bereits für mehr als zwei Wochen.
In diesem Jahr ist die Situation in Jerusalem aber auch deshalb besonders aufgeladen, weil der lange etablierte „Status quo“ an den heiligen Stätten und damit verbundene Abläufe infrage gestellt werden, was zur ohnehin angespannten Situation beiträgt. Die Jerusalem Post titelte jüngst: „Ramadan set to test shifting norms on Temple Mount”. Im britischen Guardian heißt es: “‘Al-Aqsa is a detonator’: Six-decade agreement on prayer at Jerusalem holy site collapses.”
In den vergangenen Wochen kam es zu Verhaftungen, außerdem wurde der Zugang von muslimischen Gläubigen zum Tempelberg durch die israelische Regierung eingeschränkt. Glücklicherweise haben sich jedoch die schlimmsten Befürchtungen gewaltsamer Auseinandersetzungen in Jerusalem während des laufenden Ramadan nicht bewahrheitet (Stand 16.03.2026). Dennoch ist die fragile Situation für uns Anlass, die Entwicklungen rund um den Tempelberg/Haram asch-Scharif sowie die Lebensrealitäten der Palästinenser*innen in Ostjerusalem einzuordnen.
Historische Einordnung: Wer kontrolliert Ostjerusalem?
Jerusalem liegt auf der Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland. Der Haram asch-Scharif/Tempelberg liegt in der Altstadt, die Teil Ostjerusalems ist. Kontrolliert wurde Ostjerusalem bis 1967 von Jordanien, seither ist es von Israel besetzt, nachdem das Land in jenem Jahr den Sechstagekrieg gewonnen hatte. Während die Palästinensische Autonomiebehörde Ostjerusalem als Hauptstadt des zukünftigen palästinensischen Staats beansprucht, hegt Israel die gleichen Ansprüche für die gesamte Stadt.
Seit 1967 können Jüdinnen und Juden wieder an der direkt unter dem Tempelberg liegenden Klagemauer beten, was von 1948 bis 1967 de facto unmöglich war. Dafür wurde das direkt vor der Mauer gelegene Marokkanische Viertel abgerissen. Der von Jordanien eingesetzte Jerusalemer Waqf (religiöse Stiftung) wurde von Israel als Behörde nach 1967 weiter mit der Verwaltung des Tempelbergs/Haram asch-Scharif betraut, der im Islam als Ort der Nachtreise und Himmelfahrt des Propheten Mohammed bekannt ist. Israel übernahm dort die Sicherheitskontrolle.
Obwohl im Judentum der Tempelberg als Ort des Ersten und Zweiten Tempels eine heilige Stätte ist, untersagten 1967 israelische Politiker*innen und führende Rabbiner das Gebet auf dem Areal aus politischen und religiösen Gründen. Jüdinnen und Juden dürfen seither das Gelände besuchen, aber offiziell keine religiösen Rituale vollziehen. Beten dürfen dort nur Musliminnen und Muslime. Diese Festlegung wurde als „Status quo“ bekannt. In der Praxis haben sich diese Grenzen aber immer mehr verschoben.
Tempelberg: Status quo auf dem Kipppunkt
Die aktuelle israelische Regierung gilt als die am weitesten rechts stehende in der Geschichte des Landes. Religiös-nationalistische und offen rechtsextreme Akteure prägen seit Jahren auch die Jerusalemer Politik. Besonders sichtbar wird dies am Tempelberg/Haram asch-Scharif, wo der „Status quo“ zunehmend bröckelt.
Schon seit den 1990er Jahren nahmen demonstrative Besuche nationalistischer Politiker*innen und organisierter Siedlergruppen auf dem Tempelberg zu – im Jahr 2000 begann die Zweite Intifada (Intifada bedeutet in diesem Kontext: Aufstand, Rebellion) unter anderem wegen eines Besuchs des späteren Ministerpräsidenten Ariel Scharon auf dem Tempelberg. Und während in den 1990er Jahren Versuche von Jüdinnen und Juden, auf dem Tempelberg zu beten, gewöhnlich von der Polizei unterbunden wurden, tolerierte die Polizei teilweise das kurze, stille Gebet in den 2000er Jahren. Gleichzeitig wurde der Zugang für Palästinenser*innen immer wieder beschränkt.
In den vergangenen ca. zehn Jahren wurden die Grenzen immer weiter verschoben. Die Besuchszeiten für Jüdinnen und Juden wurden deutlich ausgeweitet – auch während des diesjährigen Ramadans. Im letzten hebräischen Jahr, das Ende September 2025 endete, wurden laut Jerusalem Post mehr als 68.000 jüdische Besucher*innen gezählt, ein Plus von über 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Sicherheitskräfte tolerieren inzwischen teilweise offene Gebete, einschließlich der Nutzung von Gebetsleitfäden – ein auch nach außen deutlich sichtbarer Eingriff in den eigentlichen „Status quo“. Rechtsgerichtete jüdische Aktivist*innen träumen von der Errichtung eines dritten Tempels und sammeln hierfür Geld.
Die wahrgenommene Bedrohung der heiligen Stätten eint und mobilisiert die palästinensische Bevölkerung Jerusalems [1]. Bereits in den Jahren 2017, 2021 und 2022 kam es in der Stadt zu Demonstrationen, die zum Teil auch zu gewaltsamen Konfrontationen mit den Sicherheitskräften führten. Die Demonstrationen standen jeweils im Zusammenhang mit Entwicklungen am Haram asch-Scharif, etwa neuen Sicherheitsmaßnahmen oder Zugangsbeschränkungen.
Israelische Kontrolle über Palästinenser:innen in Ostjerusalem wächst
Die Dynamik rund um den Haram asch-Scharif/Tempelberg ist eingebettet in die seit 1967 anhaltende Besatzung und die stetig wachsende Kontrolle über die palästinensische Bevölkerung Jerusalems. Die Stadt zählt knapp eine Million Einwohner*innen; mehr als ein Drittel davon sind Palästinenser*innen, die fast ausschließlich im Ostteil leben. Ostjerusalem wurde nach dem Krieg in die israelische Stadtverwaltung integriert und ist seit den 2000er Jahren durch die Trennbarriere vom Westjordanland abgeschnitten – in Jerusalem als sechs bis acht Meter hohe Mauer ausgeführt. Faktisch ist Jerusalem aber eine geteilte Stadt mit weitgehend separierten Lebenswelten. Ein zentrales Ziel israelischer Politik ist die Sicherung einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit. Dies hat praktische Auswirkungen.
In die palästinensischen Viertel in Ostjerusalem flossen nach 1967 nur zwei bis dreizehn Prozent des jährlichen städtischen Budgets [2], [3]. Zwar wurden sozialstaatliche Leistungen für Palästinenser*innen eingeführt, und es gab bessere Einkommens- und Arbeitsmöglichkeiten – insbesondere im Niedriglohnsektor („Arab labour“). Gleichzeitig wurden zentrale Rechte eingeschränkt, unter anderem bei Landerwerb und -registrierung, im Wohnungsbau oder in der politischen Partizipation.
Palästinenser*innen erhielten nach 1967 die „Jerusalem ID“ und sind de facto staatenlos. Seit den 1990er Jahren müssen sie ihren Lebensmittelpunkt in der Stadt nachweisen, um diesen Status nicht zu verlieren. Dies schürte die Ängste der Bewohner*innen und trug dazu bei, den Wohnraum extrem zu verteuern, weil viele ehemalige Bewohner*innen aus anderen Orten zurück nach Jerusalem zogen und zu wenig Neubau genehmigt wurde. Zwischen 1967 und 2023 verloren 14.869 Personen ihren Aufenthaltsstatus, wie die Menschenrechtsorganisation HaMoked berichtet.
Die israelische Staatsbürgerschaft kann beantragt werden; dies ist jedoch (noch) verpönt. 2005 hatten nur fünf Prozent der Jerusalemer Palästinenser*innen die Staatsbürgerschaft. Seither ist die Zahl der Anträge gestiegen – zwischen 2003 und 2019 gab es ca. 15.000 Anträge, von denen weniger als 6.000 bewilligt wurden. Mit der Staatsangehörigkeit einher gehen weitreichende Bürger*innenrechte und eine Verringerung hoher bürokratischer Hindernisse – aber auch eine Anerkennung der israelischen Besatzung von Ostjerusalem. Der teilweise pragmatische Umgang mit der Situation lässt sich auch daran erkennen, dass inzwischen mehr Ostjerusalemer Palästinenser*innen in qualifizierten Berufen im Westen der Stadt arbeiten oder israelische Hochschulen besuchen.
Die Kontrolle und der Kampf um die Vorherrschaft verdichten sich in der Jerusalemer Altstadt, deren palästinensische Bewohner*innen sich auch als Hüter*innen der heiligen Stätten verstehen und die besonders von den Kämpfen um die „heilige Stadt“ betroffen sind [4]. Nur zwei Drittel der rund ein Quadratkilometer großen Fläche sind Wohnraum; der Rest besteht überwiegend aus religiösen Bauten. Die Bewohner*innen der palästinensischen Viertel gehören eher zu unteren sozioökonomischen Schichten und gelten als konservativ und traditionell. Armut, Arbeitslosigkeit, fragile Familienstrukturen, marode Infrastruktur und baufällige Häuser sind stets präsente Probleme, ebenso wie die hohe Bevölkerungsdichte – obwohl die Zahl der Einwohner*innen in den vergangenen 15 Jahren von über 40.000 auf unter 30.000 gesunken ist, sind die Wohnverhältnisse äußerst beengt.
Trotz einer deutlichen palästinensischen Bevölkerungsmehrheit (2021: 77,1% Muslime, 14,3% Christ*innen, 8,6% Jüdinnen und Juden) sind jüdische Siedlungen in der Altstadt sehr präsent. Sie sind stark gesichert; ihre Bewohner*innen sind bewaffnet. Die rechtliche Grundlage hierfür umfasst unter anderem die Rückforderung ehemals jüdischen Eigentums aus den Jahren vor der Übernahme des Ostteils der Stadt durch Jordanien 1948 – eine Möglichkeit, die Palästinenser*innen für ihren ehemaligen Besitz im später israelischen Westjerusalem hingegen nicht offensteht. Außerdem werden Häuser und Wohnungen für horrende Preise erworben. Neben psychischem Druck werden vereinzelt auch physische Gewalt oder gefälschte Dokumente eingesetzt.
Diese Entwicklungen werden begleitet von verstärkter Überwachung sowie einer massiven Aufstockung von Polizeikräften und Armee: Die muslimischen und christlichen Viertel stehen unter dichter Videoüberwachung mit automatischer Gesichtserkennung. Unter Polizeiminister Itamar Ben-Gvir nahmen Repressionen und Spannungen seit Ende 2022 weiter zu, insbesondere nach dem 7. Oktober 2023. Erst Mitte Februar 2026 wurde das größte palästinensische Community-Center in der Altstadt, Burj al-Laqlaq, für (zunächst) sechs Monate wegen angeblicher Kontakte zur Palästinensischen Autonomiebehörde geschlossen.
Der schleichende Zusammenbruch des „Status quo“ an den heiligen Stätten mag in diesem Ramadan medial sehr präsent sein – er ist jedoch eingebunden in eine generelle und langfristige Bewegung hin zu größerer Kontrolle und weiteren Beschränkungen palästinensischen Lebens in Ostjerusalem.
PD Dr. Johannes Becker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO) Berlin. Er forscht aus soziologischer Perspektive zu Städten und Migration, zu Familien und Biographien mit einem Schwerpunkt auf die Levante und Zentraleuropa. Vor Kurzem ist sein neues Buch „Everyday life in the Old City of Jerusalem: Historical transformations and biographical emplacements“ erschienen.
[1] Cohen, Hillel (2011): The rise and fall of Arab Jerusalem: Palestinian politics and the city since 1967. Abingdon, Oxon, New York: Routledge.
[2] Benvenisti, Meron (1996): City of stone: The hidden history of Jerusalem. Berkeley: University of California Press: 126.
[3] World Council of Churches (2024): Fact sheet – Demographics of Jerusalem.
[4] Becker, Johannes (2026): Everyday life in the Old City of Jerusalem: Historical transformations and biographical emplacements. New York: Routledge.
Über diesen Artikel
Lesen Sie auch
Griechische Erdbeeren „made in Bangladesh“
Erdbeeren gibt es mittlerweile auch im Winter zu kaufen. In Nea Manolada, Griechenland, gedeihen sie prächtig, doch der Anbau hat seine Schattenseiten. Wissenschaftler Johannes Jungfleisch hat die Verhältnisse südasiatischer Arbeiter untersucht.
Fotografien der Künstlerin Rita Ostrovska: Ein Spiegelbild (post-)sowjetisch-jüdischer Erfahrung
2001 emigriert die jüdische Künstlerin Rita Ostrovska aus der Ukraine nach Deutschland. Im Gepäck hat sie Fotografien, die das jüdische Leben in Osteuropa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dokumentieren. Nun wird ihre Sammlung digital ausgestellt.
„Trump first“ – wie Expert:innen die neue nationale Sicherheitsstrategie der USA bewerten
Die neue NSS von Trump bricht mit den traditionellen strategischen Zielen und Interessen der USA und konkretisiert die Politik und Maßnahmen der zweiten Trump-Regierung in ihrem ersten Amtsjahr. In diesem ausführlichen PRIF-Blogbeitrag geben wir einen Überblick über die Strategie, stellen sie in einen Kontext und beleuchten in kurzen Kommentaren bemerkenswerte Aspekte.
