Beitrag
5 Min.
19. Juli 2026
Der Raum dazwischen: Was braucht es für ein gutes Miteinander in Großwohnsiedlungen?
Zu DDR-Zeiten waren sie im Trend, heute sind sie bei vielen verpönt - der Ruf der Großwohnsiedlung hat sich gewandelt. Leerstand, karge Freiflächen und eine schlechte Anbindung prägen die Plattenbauviertel in vielen ostdeutschen Großstädten heute. Das sorgt für Frust bei den Anwohner:innen - doch sie haben auch die Lösungen parat.
Öffentliche Räume – also Parkanlagen, Marktplätze, Haltestellen, aber auch Treffpunkte für Familien oder Cafés – spielen eine große Rolle für das Zusammenleben in Wohngebieten. Sie sind einerseits Orte der Begegnung für Bewohner*innen, andererseits aber auch Orte, an denen Konflikte und gesellschaftliche Verwerfungen zu Tage treten können. Menschen aus Stadtverwaltung und -politik fragen sich, wie diese Orte gestaltet und ihre Nutzung geregelt sein sollten, damit sie ein Treffpunkt für alle sein können und zu einem guten Miteinander in Stadtvierteln beitragen können.
Gerade an Orten, an denen sehr viele verschiedene Menschen zusammenleben, wie es in den so genannten Großwohnsiedlungen (häufig auch als Plattenbaugebiete bezeichnet) der Fall ist, spielt der öffentliche Raum eine wichtige Rolle für das Zusammenleben. Wissenschaftlerinnen des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR)* haben in drei solcher Großwohnsiedlungen – in Mueßer Holz/Neu-Zippendorf in Schwerin, in der Südlichen Neustadt in Halle/Saale und in Sandow in Cottbus – erforscht, wie die Gestaltung öffentlicher Plätze und Freiflächen das Empfinden und die Stimmungen der Bewohner*innen beeinflusst. Dafür haben sie einen Ansatz aus der Architekturtheorie – die sogenannten „Atmosphären“ – genutzt. Sie beschreiben das Zusammenspiel des „gebauten Raumes“ mit dem „gelebten Raum“, dem Raum also, der vom Verhalten und den Erfahrungen der Menschen geprägt wird.
Großwohnsiedlungen im Wandel
Ostdeutsche Großwohnsiedlungen sind seit ihrer Entstehung in den 1960er bis 1980er Jahren einem steten Wandel unterworfen. Geplant wurden sie einst als moderne Wohnquartiere mit guter Ausstattung für alle Bevölkerungsgruppen. Entsprechend beliebt waren sie zu Beginn. Das Ende der DDR und die folgenden gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Umbrüche brachten jedoch auch für die Plattenbausiedlungen große Veränderungen. Ab 1990 galten sie als unattraktiv und Symbol für den sozialen Abstieg. Viele, vor allem jüngere Bewohner*innen verließen die Viertel. Im Rahmen des Stadtumbaus wurden ab 2002 leerstehende Wohngebäude und nicht mehr benötigte Einrichtungen wie Kitas, Kaufhallen oder Tanzcafés abgerissen. Es entstanden große ungenutzte Freiflächen und die ursprüngliche Vielfalt an Bildungs-, Versorgungs- und Kultureinrichtungen ging vielerorts verloren.
Ein Teil der ursprünglichen Bewohner*innen blieb aber auch vor Ort. In den Folgejahren zogen zudem vermehrt Menschen mit geringen Einkommen und Personen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, in die Siedlungen. Denn im Vergleich zu Wohnungen in anderen Stadtvierteln waren die Plattenbauwohnungen lange Zeit preisgünstig. Seit 2015 verzeichnen viele der Quartiere ein sehr plötzliches Bevölkerungswachstum – sie wurden zu Ankunftsquartieren für geflüchtete Menschen.
Großwohnsiedlungen machen in vielen Städten einen beachtlichen Anteil des Wohnungsbestandes aus. In Schwerin wohnt zum Beispiel fast ein Viertel der Stadtbevölkerung in den Quartieren Mueßer Holz/Neu-Zippendorf. Die Gebiete sind damit relevant, wenn es um Fragen gerechter Stadtentwicklung geht.
Die Rolle des öffentlichen Raums
Nach Rückbau und städtebaulicher Anpassung sind die verbliebenen Einrichtungen und Freiflächen heute Orte, an denen sich entscheidet, wie ein gutes Miteinander der sehr heterogenen Bewohnerschaft gelingen kann. Um herauszufinden, wie der öffentliche Raum funktioniert und eventuell verändert werden sollte, müssen wir zunächst verstehen, wie die verschiedenen Bewohner*innen auf ihr Quartier blicken.
Die Wissenschaftlerinnen haben daher den öffentlichen Raum kartiert und das Leben vor Ort beobachtet. Bei gemeinsamen Spaziergängen und Gesprächen mit verschiedenen Bewohner*innen wurden Wohlfühlorte und Orte, die aus verschiedenen Gründen negativ wahrgenommen werden, beschrieben und auf Karten sichtbar gemacht. Außerdem haben sie mit Menschen aus den Stadtverwaltungen, von sozialen Trägern und lokalen zivilgesellschaftlichen Initiativen gesprochen. Dadurch wurde deutlich, wie verschiedene Gruppen ihre Nachbarschaften wahrnehmen und wie sie Räume nutzen.
Drei Perspektiven auf das Leben im Plattenbau
Die „Alteingesessenen“, also Menschen, die schon sehr lange, zum Teil seit ihrer Entstehung in den Wohngebieten leben, wohnen überwiegend gern dort. Sie vergleichen das Quartier aber mit den Bedingungen vor der Wende und nehmen die Veränderungen vor Ort als negativ wahr. Dazu zählen der Abriss von Gebäuden, das schlechte Image der Quartiere und das fehlende Miteinander der verschiedenen Gruppen von Bewohner*innen. Die mangelhafte Infrastruktur und die Leere empfinden sie teils als persönlich abwertend. Da sie aber meist auf ein gelungenes persönliches Leben zurückschauen können, bewahren sie sich eine neutrale bis positive innere Stimmung. Nur in Einzelsituationen lassen sie sich negativ berühren, etwa wenn Menschen an öffentlichen Plätzen Alkohol trinken und lärmen.
Etwas anders stellt sich die Lage für diejenigen dar, die seit einigen Jahren, eher unfreiwillig, wegen der günstigeren Mieten im Quartier leben. Diese Menschen haben wenig Geld oder sind an die staatlich festgelegten Kosten der Unterkunft gebunden. Häufig finden sie nur in den Großwohnsiedlungen passende Wohnungen. Auf diese Gruppe mit zum Teil schwierigen persönlichen Lebensumständen wirken äußere negative Veränderungen besonders stark. Wird zum Beispiel das letzte vertraute Restaurant im Quartier abgerissen, empfinden es Menschen dieser Gruppe teils als persönlichen Verlust und anhaltende, auch räumlich manifestierte, Erfahrung von Entwertung und geringer Wertschätzung.
Auch Geflüchteten werden häufig günstige Wohnungen in diesen Quartieren zugewiesen. Aus ihren Heimatländern sind sie aus Notsituationen heraus geflohen. Nun müssen sie sich ein neues Zuhause aufbauen. Trotz großer persönlicher Herausforderungen nehmen sie die Großwohnsiedlungen als lebenswerte Orte für ein neues Leben wahr. Das Gefühl des Neuanfangs konkurriert dabei aber häufig mit negativen rassistischen Erfahrungen. Vor allem muslimische und Hijab tragende Frauen sind häufig von rassistischen Übergriffen im öffentlichen Raum, aber auch in privaten Wohnhäusern betroffen. Haben sie Kinder dabei, erfahren auch sie diese Gewalt und Angst. Diese Erlebnisse beeinträchtigen ihr Wohlgefühl; Ängste verhindern, dass sie sich im Quartier zu Hause fühlen.
Was sich Bewohner:innen von ihrem Viertel wünschen
Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass der gebaute Raum die Empfindungen und Wahrnehmungen („Atmosphären“) der Menschen an einzelnen Orten prägt. Der Rückbau erzeugt eine räumliche und funktionale Leere; der Verlust von Infrastrukturen verstärkt Gefühle der Wertlosigkeit und Einsamkeit bei den Bewohner*innen.
Zudem kann die Art der Infrastruktur die Atmosphäre am Ort beeinflussen. Ob Bierkneipe oder Eiscafé – sie prägen die Handlungen und Stimmungen am Ort. Hinzu kommt: Wie sich Menschen untereinander verhalten, hat große Wirkung auf die Atmosphäre im privaten wie im öffentlichen Raum. So ist es nebensächlich, dass ein öffentlicher Platz schön gestaltet ist, wenn muslimische Frauen dort immer wieder rassistische Anfeindungen erfahren.
Die Anforderungen der verschiedenen Bewohner*innengruppen an den öffentlichen Raum sind dabei gar nicht so verschieden. Die meisten wünschen sich:
- vielfältige Infrastrukturangebote, die über eine Grundversorgung hinausgehen,
- sichere, saubere und gepflegte Grünflächen und Plätze,
- zielgruppenspezifische Räume (etwa Treffs für Jugendliche, Mütter oder muslimische Frauen),
- aber genauso auch offene Räume für alle.
Stadt- und Freiraumplanung kann und sollte dafür sorgen, dass diese räumlichen Voraussetzungen gegeben sind. Denn ohne öffentliche Treffpunkte, Orte, die Angebote für einzelne Gruppen, aber auch für alle bereithalten, und ohne ausreichende und passende Infrastruktur ist gleichberechtigte Teilhabe am städtischen Leben und das Sich-Zuhause-Fühlen nicht möglich.
Und doch reicht dies nicht aus. Das Zusammenleben vor Ort wird maßgeblich von wohlwollenden Begegnungen untereinander und durch ein nachbarschaftliches Miteinander geprägt. Dies ist aktuell in den Großwohnsiedlungen nicht selbstverständlich, sondern braucht oft ein hohes Maß an Unterstützung und Moderation. In den untersuchten Quartieren gibt es dafür eine Reihe von guten Ansätzen: den moderierten Nachbarschaftsgarten, künstlerische Aktionen mit Kindern und Jugendlichen, um Brachen zu beleben, oder das vom Quartiersmanagement getragene Stadtteilhaus.
Leider reichen diese Beispiele noch lange nicht aus, um die Bedarfe vor Ort zu decken. Sie zeigen aber Möglichkeiten auf. Vor allem wenn Stadtverwaltung und zivilgesellschaftliche Initiativen zusammenwirken, können wichtige Impulse und Angebote entstehen, die das (Zusammen)Leben in den sich wandelnden Plattenbaugebieten verbessern.
Aus ökologischer Sicht ist es wichtig, die vorhandenen Gebäude und die darin verbauten Ressourcen weiter zu nutzen. Dafür müssen die Siedlungen aber lebenswerte Orte bleiben oder wieder werden, in denen ganz unterschiedliche Menschen gut und gern (zusammen)leben.
* Die Untersuchungen waren Teil des Projektes „StadtumMig – Vom Stadtumbauschwerpunkt zum Einwanderungsquartier? Neue Perspektiven für periphere Großwohnsiedlungen“, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), FKZ: 01UR2202B, im Rahmen der Strategie „FONA | Sozial-ökologische Forschung“.
Beteiligte Partner:
- Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung e. V. (IRS), Erkner (Koordination)
- Humboldt-Universität zu Berlin, Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM), Berlin
- Brandenburgische Beratungsgesellschaft für Stadterneuerung und Modernisierung mbH (B.B.S.M.), Potsdam
- Stadt Cottbus
- Geflüchteten Netzwerk Cottbus e.V.
- Stadt Halle (Saale)
- Mio e.V., Halle (Saale)
- Landeshauptstadt Schwerin
- AWO – Soziale Dienste gGmbH Westmecklenburg/AWO Kreisverband Schwerin-Parchim e.V.
Über diesen Artikel
Lesen Sie auch
Binnenmigration seit 1991: Wohin zieht Deutschlands Bevölkerung?
Von Ost nach West, vom Land in die Stadt – das ist die gängige Annahme, wohin Menschen in Deutschland ziehen. Doch stimmen diese Klischees noch immer? Aktuelle Zahlen zeigen, wohin es die Bevölkerung wirklich zieht.
Leipziger Pflastergeschichte/n: Wir suchen persönliche Geschichten zum Leipziger Straßenpflaster
Das Pflaster einer Stadt ist mehr als nur der Boden unter unseren Füßen - es trägt Geschichte in sich, aber auch viele persönliche Geschichten. Mit dem partizipativen Projekt „Leipziger Pflastergeschichte/n" lädt das Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) alle Leipziger:innen dazu ein, ihre Erinnerungen und Erfahrungen rund um Straßenbeläge, Gehwege und Gangarten in der Stadt zu teilen. Damit wirkt die Stadtbevölkerung gleichzeitig aktiv an einem Ausstellungsprojekt mit.
50% Urban – eine Woche Sommerschule durch Ostdeutschland
Ein Text zur Sommerschule: Transformation in Motion.
