Eintrag
2 Min.
Wende
Der Begriff „Wende“ stammt ursprünglich aus der Seefahrt. Er bezeichnet ein Segelmanöver, bei dem der Kurs geändert wird, indem das Schiff gegen den Wind gesteuert wird. Von übergreifender Bedeutung ist der Begriff jedoch als umgangssprachliche Bezeichnung für den politischen Umbruch in Ostdeutschland 1989/90. Viele Menschen bringen mit dem „Wende“-Begriff den fundamentalen Wandel von Gesellschaft und Lebenswelt zum Ausdruck, den sie in dieser Zeit erfahren haben. Es ist also ein erfahrungsgeschichtlicher Begriff, der ebenso weit verbreitet wie umstritten ist.
Dabei wurde der Begriff „Wende“ schon zuvor in der politischen Sprache verwendet. In den 1970er Jahren bezeichnete die „Tendenzwende“ den Versuch einer konservativen Rückbesinnung der alten Bundesrepublik nach den gesellschaftlichen Aufbrüchen von 1968. In einem ähnlichen Kontext sprach Helmut Kohl von einer „geistig-moralischen Wende“, die er 1982 mit seiner Kanzlerschaft anstrebte, um die Bundesrepublik politisch und kulturell neu auszurichten, indem er an ältere Traditionen anzuknüpfen sucht.
Unabhängig hiervon wurde der Begriff 1989 zu einem Schlüsselbegriff in Ostdeutschland. Es war zunächst der kurzzeitige SED-Chef Egon Krenz, der am 18. Oktober 1989 nach der Entmachtung Erich Honeckers den Begriff aufbrachte, um der SED ein reformorientiertes Antlitz zu verleihen und auf diese Weise das Machtmonopol der Staatspartei aufrechtzuerhalten. Genau diese Urheberschaft durch Egon Krenz delegitimiert den „Wende“-Begriff bis heute.
Insbesondere ehemalige Bürgerrechtler*innen kritisieren den Begriff und drängen stattdessen auf den Begriff „Friedliche Revolution“. Diese verlief in der Tat weitgehend friedlich und markierte einen gesellschaftlichen Wandel revolutionären Ausmaßes, der sämtliche Lebensbereiche in Ostdeutschland berührte und insofern als Revolution charakterisiert werden kann.
Zugleich ist die Rede von der „Friedlichen Revolution“ eine geschichtspolitische Setzung, die den Anteil der revolutionären Bürgerrechtler*innen am Sturz der SED-Herrschaft hervorhebt. Dagegen betont der weniger emphatische und weitaus passivere Begriff „Wende“ eher die Erfahrungsdimension der gesamten ostdeutschen Bevölkerung. Beides sind somit umstrittene Begriffe, die sich gegenseitig ausschließen und kaum Konsens zulassen. Deshalb werden die beiden Begriffe in der zeithistorischen Forschung eher vermieden[1].
Für den „Wende“-Begriff spricht, dass er trotz seiner zweifelhaften Urheberschaft genau der Ausdruck ist, den die meisten Ostdeutschen verwenden, um den großen Umbruch von 1989/90 zu beschreiben. Zudem ließe sich argumentieren, dass die ostdeutsche Bevölkerung den Begriff der SED buchstäblich „entwendet“ hat. Der Begriff „Wende“ ist somit ein Ausdruck der politischen Emanzipation von 1989/90.
Problematisch ist hingegen, dass der „Wende“-Begriff in jüngerer Zeit verwendet wird, um zur Überwindung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der vereinigten Bundesrepublik aufzurufen. Rechtspopulistische Parteien sprechen von einer zweiten „Wende“ bzw. fordern die Ostdeutschen dazu auf, mit ihrer Wahlentscheidung die „Wende zu vollenden“. Dadurch konstruieren sie eine Äquidistanz zwischen der einstigen SED-Diktatur und der gegenwärtigen Demokratie, die gleichermaßen überwunden werden soll. Eine solche Verwendung des „Wende“-Begriffs ist weder politisch noch wissenschaftlich haltbar.
– von Dr. Hanno Hochmuth, Projektleiter Leibniz-Lab und Wissenschaftlicher Referent am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF)
Weiterführende Literatur:
Lindner, B. (2014): Begriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 64 (2014), S. 32–39.
Röger, M. (2007): Geistig-moralische Wende. In: Fischer, T./ Lorenz, M. N. (Hrsg.): Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Bielefeld, S. 226.
____________________________________________________________________________________
[1] Eine Ausnahme bildet das Konzept der „Langen Geschichte der ‚Wende‘“, das die Ereignisse von 1989/90 in längere historische Entwicklungen einordnet und nach lebensweltlichen Kontinuitäten und Umbrüchen zwischen 1980 und 2000 fragt. (Brückweh, K./ Villinger, C./ Zöller, K. (2020): Die lange Geschichte der „Wende“. Geschichtswissenschaft im Dialog, Berlin; Gieseke, J. (2024): „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“? Zweifel am Transformationsparadigma und die „Lange Geschichte der ‚Wende‘“ von 1989, In: Böick, M./ Goschler, C./ Jessen, R. (Hrg.): Jahrbuch Deutsche Einheit 2024, Berlin, S. 211-238.)
