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Aufnahme während der Besatzung Prags durch militärische Truppen des Warschauer Pakts. Auf einer Straße steht ein brennender Panzer. Daneben laufen Männer mit Tschechischer Flagge in der Hand.

28. Juli 2026

Dissidenz in Osteuropa: Der mutige Kampf für die Demokratie

Seit Jahrzehnten kämpfen immer wieder Menschen im östlichen Europa für demokratische Grundrechte. Wer sind diese selbst ernannten Dissident:innen und was haben sie erreicht?

Foto von Olga Rosenblum

Dr. Olga Rosenblum

Wissenschaftlerin

Institut: Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL)

E-Mail: rosenblum@zfl-berlin.org

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„Wenn du in dir spürst, dass das, was du tust, richtig und notwendig ist – trotz der Mehrheit, die Macht hat, stark ist und dich bedroht –, dann bist du ein Dissident.“

So beschrieb Václav Havel (1936–2011) Ende der 1970er Jahre seine Tätigkeit als einer der Initiatoren der Bürgerrechtsbewegung Charta 77 in der Tschechoslowakei. Havel galt seit den 1960er Jahren als einer der aufsehenerregendsten tschechischen Theaterautoren, ehe er sich im ‚Prager Frühling‘öffentlich für dessen Kurs  des Reformkommunisten Alexander Dubček engagierte.

Dubček war zum Zeitpunkt frisch als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei ernannt worden und hatte zahlreiche Reformen erlassen, um einen  „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu gestalten, wie er es nannte. Dubcek führte die Rede- und Versammlungsfreiheit ein, erlaubte Reisen ins westliche Ausland und setzte den Grundstein für die Privatisierung kleiner und mittlerer Betriebe.

Václav Havel dachte weiter: Für ihn konnten die Reformen nicht bei einem erneuerten Sozialismus stehen bleiben. Entscheidend war die Entstehung eines von der Partei unabhängigen zivilgesellschaftlichen Raums. 

Nach der Niederschlagung dieser Erneuerungsversuche durch sowjetische Panzer im ‚Prager Frühling‘ 1968 wurde Havel mit einem totalen Aufführungs- und Publikationsverbot belegt. Im Westen brachte ihm diese Zensur aber große Bekanntheit als antikommunistischer Intellektueller. Damals war kaum vorstellbar, dass Havel eines Tages Präsident seines Landes werden würde und seine Ideen von einem großen Teil der Gesellschaft geteilt oder zumindest unterstützt werden könnten. Doch genauso kam es, als der einstige Widerstandskämpfer 1989 Präsident der Tschechoslowakei und 1993 Präsident der unabhängigen Tschechischen Republik wurde. Havels Geschichte zeigt: Ein aufrechter Protest kann, wenn er von anderen aufgegriffen wird, politische Kraft gewinnen. 

Václav Havel (re.) umarmt Alexander Dubček in der Nacht des 24.11.1989, als die Führungsebene der Kommunistischen Partei Tschechoslowakei ihren Rücktritt bekannt gibt.

Wanderausstellung beschäftigt sich mit Dissidenz im östlichen Europa 

Die Wanderausstellung „Was ist eigentlich Dissidenz?“ beleuchtet die Protestbewegungen im östlichen Europa ab den 1960er Jahren aus verschiedenen Perspektiven. Sie wurde von Forschenden des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) und des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) erarbeitet und kann aktuell in der Staatsbibliothek Berlin besucht werden (weitere Informationen unten). 

Neben Václav Havel stellt die Ausstellung auch Widerstandskämpfer wie Karol Modzelewski (1937–2019) vor, der den Begriff des Dissidenten ablehnte. Der spätere Mitbegründer der polnischen Gewerkschaft Solidarność hatte Mitte der 1960er Jahre einen offen Protestbrief gegen die offizielle Politik geschrieben und war deswegen 1964 zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Selbst im Gefängnis setzte der Historiker seine wissenschaftliche Arbeit fort und sah sich in seiner Opposition gegen Staat und Partei stets von der Gesellschaft getragen. Wie er forderten weite Teile der Bevölkerung beispielsweise Meinungs- und Versammlungsfreiheit.  

Während der sogenannten März-Unruhen protestierten 1968 tausende Studierende in Warschau, Danzig und Krakau für Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Die Demonstrationen waren vom polnischen Regime und der Polizei jedoch blutig niedergeschlagen worden. Im August 1980 kam es erneut zu großläufigen Protesten – diesmal mit Erfolg. Die sogenannten August-Streiks führten zur Gründung der ersten unabhängigen Gewerkschaft im sozialistischen Osteuropa. Die polnischen Erfahrungen haben gezeigt, dass politischer Protest möglich ist und reale Folgen haben kann, wenn er breite gesellschaftliche Unterstützung erfährt.  

Aufnahme vom Prager Frühling 1968: Mehrere Panzer stehen hintereinander gereiht in einer Straße voller menschen. Rechts im Bild steht ein Fahrzeug mit Anhänger, auf dem Menschen die teschische Flagge wehen.

Gerade darin lag für Modzelewski der Unterschied zu den sowjetischen Dissident:innen. Diese seien stets isoliert geblieben und hätten nur einen kleinen Kreis der urbanen Intelligenzija erreicht. Im Gegensatz zur Tschechoslowakei und Polen war die Gesellschaft in der Sowjetunion in den 1960er bis 1980er Jahren nicht bereit für einen Protest, der verschiedene gesellschaftliche Schichten vereint und daher als politischer Protest sichtbar geworden wäre.  

Die Moskauer Dichterin und Übersetzerin Natalja Gorbanewskaja (1936–2013), die 1968 mit der Veröffentlichung der inoffiziellen Chronik der laufenden Ereignisse begann, verstand Dissidententum als einen moralischen Protest gegen die Menschenrechtsverletzungen in und außerhalb der Sowjetunion. So begründete sie auch eine ihrer berühmtesten Aktionen: Gemeinsam mit anderen Bürgerrechtlern protestierte sie unter Beobachtung der westlichen Presse öffentlich auf dem Roten Platz gegen den Einmarsch der sowjetischen Armee in die Tschechoslowakei. Für sie war der symbolische Protest ein notwendiger Akt des Gewissens, selbst wenn Freunde ihn für sinnlos hielten, weil mit wenig Resonanz in der Bevölkerung zu rechnen war und den Beteiligten Gefängnisstrafen drohten. Sie nahm dies willentlich in Kauf und wurde mehrmals festgenommen und zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen. 1975 wurde sie schließlich des Landes verwiesen und ging ins westliche Exil. 

Woher kommt das Wort Dissidenz? 

Das Wort „Dissident“ hat eine lange Geschichte. Seit dem 16. Jahrhundert bezeichnete es Menschen, die von einer dominierenden Kirche zu einer kleineren, verfolgten Konfession wechselten, etwa Katholiken im anglikanischen England oder Hugenotten im katholischen Frankreich. In seiner heutigen politischen Bedeutung tauchte der Begriff im Westen erst Ende der 1960er Jahre auf, als Journalisten begannen, über jene Sowjetbürger zu schreiben, die öffentlich gegen ungerechte Prozesse oder Reisebeschränkungen protestierten. 

Bei der Verwendung des Wortes ‚Dissident‘ spielte die religiöse Herkunft des Wortes durchaus eine Rolle, sah man den Kommunismus im Westen doch als eine dogmatische Zivilreligion an, die alle Abweichungen inquisitorisch als Ketzerei bestrafte. Aber auch umgekehrt suggerierte die Bezeichnung, dass diese Menschen eine Art religiöse ‚Erleuchtung‘ erfahren hätten und der Wahrheit folgten – im Gegensatz zur ideologisch ‚verblendeten‘ Mehrheit. Gleichzeitig schwang darin die Hoffnung mit, dass aus einer verfolgten Minderheit irgendwann eine gesellschaftliche Mehrheit werden könnte. 

Foto von Václav Havel

Was bleibt heute? 

Damit stellt sich die Frage nach der Aktualität von Dissidenz. Auch gegenwärtige Widerstandskämpfer, die problematischen Aneignungen durch rechte Kreise sowie die aktuelle Situation in Belarus und Russland werden in unserer Wanderausstellung thematisiert. Die historische Betrachtung von „Dissidenz“ fordert uns dazu auf, heutige „Opposition“ oder „Aktivismus““ kritisch zu hinterfragen.  

Wenn wir heute Kritik äußern – an politischen Entscheidungen, an gesellschaftlichen Entwicklungen, an Ungerechtigkeiten –, aus welcher Haltung heraus tun wir das eigentlich? Ähneln wir eher denjenigen Dissidenten, die aus moralischer Überzeugung sprachen, oft ohne gesellschaftlichen Rückhalt? Verstehen wir uns als Teil einer größeren Oppositionsbewegung, die konkrete politische Veränderungen anstrebt? Handeln wir als einzelne politisch engagierte Aktivisten, die Verantwortung übernehmen, um praktische Veränderungen zu bewirken? Oder sehen wir unser Engagement eher als eine Entscheidung aufgrund persönlicher Gewissensgründe?  

Die Ausstellung möchte dazu anregen, über solche Fragen nachzudenken. Deshalb wird sie von einer interaktiven Webseite begleitet, auf der Besucher über einen QR-Code ihre Gedanken und Antworten teilen können. 

3 Männer schauen sich eines der Plakate der Ausstellung "Was ist Dissidenz" in einer Bibliothek an.

Über die Ausstellung 

Die Wanderausstelluing „Was ist eigentlich Dissidenz?“ ist aus dem Projekt The Dissident Library entstanden, einer Online-Gesprächsreihe, in der seit 2022 am ZfL ehemalige Beteiligte der Dissidentenbewegung im östlichen Europa sowie Forschende kritisch über eigene Erfahrungen und neue wissenschaftliche Zugangsweisen diskutieren. Dieser Austausch macht immer wieder deutlich: Es gibt keine einheitliche Definition von Dissidenz. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, darüber nachzudenken – und viele Stimmen, die gehört werden sollten. 

Diese Wanderausstellung enthält Stimmen von allen, die an ihr gearbeitet haben – von Georgia Lummert, Alexander Mionskowski, Dirk Naguschewski und Matthias Schwartz vom ZfL sowie später auch von Susanne Jaeger und Stephan Krause vom GWZO. 

Die Ausstellung wurde erstmals im März 2026 auf der Leipziger Buchmesse gezeigt. Im April  begann sie ihre Reise: Sie wird in Bibliotheken, Volkshochschulen, Universitäten und an anderen Orten in Berlin und Brandenburg sowie in Leipzig und Sachsen ausgestellt. Sie ist derzeit in der Staatsbibliothek zu Berlinzu sehen. 

Wenn Sie Interesse haben, die Ausstellung bei Ihnen zu zeigen, freuen wir uns auf Ihre Anfrage: dissidenz@zfl-berlin.org 

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