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12. August 2026
Wenig Koran, viele Konflikte – Was wir aus Schulbüchern über Islam und Muslim:innen erfahren
Kaum eine Bevölkerungsgruppe ist in Deutschland so vielen Vorurteilen ausgesetzt wie Menschen mit Menschen mit muslimischem Hintergrund. Studien zeigen nun auf, wie diese einseitige Sicht auf Muslim:innen schon in der Schule gefestigt wird. Hinsetzen und lesen, bitte!
In der Schule bringt jeder Mensch eine eigene Persönlichkeit, individuelle Erfahrungen und Ideen oder Überzeugungen mit in den Klassenraum, wo sie auf die Lebenswelten der anderen treffen. Manche Schüler:innen sind beispielsweise religiös, andere nicht. Zusammen lernen sie jedoch das Gleiche über Geschichte, Politik, Ethik, Religion oder Geografie. Dabei geht es aber nicht ausschließlich um Fakten und Zahlen. Der Unterricht beeinflusst genauso, wie wir andere Menschen wahrnehmen und wie wir über unsere Gesellschaft denken.
In zwei wissenschaftlichen Studien habe ich zusammen mit meinen Kolleginnen Riem Spielhaus und Radwa Shalaby vom Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut untersucht, wie Islam und Muslim:innen in deutschen Lehrplänen und Schulbüchern dargestellt werden. Unsere Ergebnisse zeigen: Vieles, was im Unterricht vermittelt wird, ist zwar sachlich richtig, aber durch die Auswahl der Themen entstehen manchmal einseitige Bilder, die Vorurteile sogar verstärken können anstatt sie abzubauen.
Hunderte Schulbücher untersucht
Wir haben Hunderte Lehrpläne und Schulbücher aus ganz Deutschland untersucht. Außerdem haben wir erfragt, welche Materialien Lehrkräfte im Unterricht verwenden und wie sie das Thema behandeln. Dabei fiel auf, dass Muslim:innen und Islam häufig nur in ganz bestimmten Zusammenhängen vorkommen. Ein Großteil davon hat nicht mal etwas mit Religion oder religiösen Fragen zu tun. In anderen Themenbereichen kommen Muslim:innen hingegen nur selten oder gar nicht vor.
Wenn es um Religion geht, behandeln die Schulbücher die Entstehung des Islams. Sehr häufig geht es aber um die Kreuzzüge, das Osmanische Reich, Terrorismus und religiösen Extremismus. Darüber zu sprechen ist zwar wichtig und gehört zur Geschichte oder Politik dazu. Das Problem ist allerdings, dass viele andere Bereiche des muslimischen Lebens kaum vorkommen. So erfahren Schüler:innen nur wenig darüber, wie vielfältig muslimisches Leben heute in Deutschland ist oder welchen Beitrag muslimisch geprägte Gesellschaften zur Entwicklung von Mathematik, Medizin, Philosophie, Architektur oder Astronomie geleistet haben. Auch die Rolle vieler Migrant:innen beim Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg oder die Leistungen heutiger Musliminnen – etwa in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Sport oder Kultur – kommen noch zu selten vor.
Ein weiteres Ergebnis ist, dass Muslim:innen in Schulbüchern häufig als „die Anderen“ dargestellt werden. Sie erscheinen oft im Zusammenhang mit Migration oder Integration. Dadurch kann der Eindruck entstehen, Muslim:innen gehörten nicht selbstverständlich zu Deutschland – obwohl viele hier geboren sind und ihr ganzes Leben hier verbringen. Muslim:innen bilden – nach Christ:innen – schließlich die zweitgrößte Religionsgruppe in Deutschland.
Keine Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus
Schulbücher behandeln das Thema Islamismus oder religiös motivierter Extremismus zwar häufig, unterscheiden aber oft nicht deutlich genug zwischen der Religion Islam und extremistischen Gruppierungen. Dadurch besteht die Gefahr, dass Schüler:innen unbewusst eine ganze Religion mit Gewalt oder Terror verbinden. Tatsächlich lehnen die allermeisten Muslim:innen lehnen Gewalt und Extremismus genauso entschieden ab wie auch Menschen anderer Religionen oder ohne Religion.
Vorurteile in Schulbüchern entstehen nicht nur durch falsche Informationen. Schon eine einseitige Darstellung kann dazu führen, dass Menschen bestimmte Gruppen immer mit denselben Themen verbinden. Wenn Muslim:innen fast nur in Kapiteln über Konflikte, Krieg oder Integration vorkommen, prägt das das Menschenbild der Schüler:innen auf negative Weise.
Die Diskriminierung von Muslim:innen wird im Unterricht allerdings nur selten ausdrücklich behandelt. Viele Lehrpläne enthalten zwar Themen wie Menschenrechte, Vielfalt, Vorurteile oder Rassismus. Feindlichkeit gegen Muslim:innen wird jedoch oft nicht direkt angesprochen oder in ihrer Besonderheit erklärt. Deshalb nutzen viele Schulbücher die Chance nicht, zu erklären, wie Vorurteile entstehen, was man dagegen tun kann oder an wen sich Betroffene wenden können.
Schule sollte Vorurteile abbauen anstatt sie zu fördern
Warum ist das wichtig? Schule ist ein Ort, an dem die meisten Menschen viel Zeit verbringen. Wie die Schulgesetze der Länder es festschreiben, sollen dort nicht nur Wissen, sondern auch soziale Kompetenzen vermittelt werden. Dazu gehört Menschen mit Respekt zu begegnen und Vorurteile abzubauen. Wenn Unterricht unterschiedliche Lebensweisen und Einstellungen einbezieht, können sich Schüler:innen ihr eigenes Bild machen. Das gilt für den Islam genauso wie für jede andere Religion oder Weltanschauung.
In unserer Studie schlagen wir deshalb vor, Muslim:innen selbstverständlicher als Teil der deutschen Gesellschaft darzustellen. Dazu gehören Geschichten aus dem Alltag, unterschiedliche Meinungen und Lebensweisen sowie Beispiele aus Kultur, Politik, Wissenschaft und Sport. Ebenso wichtig ist es, offen über Vorurteile und Diskriminierung zu sprechen und zu zeigen, wie alle Menschen zu einem respektvollen Zusammenleben beitragen können.
Die wichtigste Botschaft der Studien lautet: Gute Bildung bedeutet nicht, schwierige Themen wegzulassen. Sie bedeutet, sie ausgewogen, sachlich und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. So können Schüler:innen lernen, Informationen kritisch zu hinterfragen und sich eine eigene, gut begründete Meinung zu bilden.
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