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Anpassungsfähigkeit

Im Allgemeinen bezeichnet Anpassung den Prozess, die Handlung oder die Fähigkeit eines Individuums oder eines Systems, seine angeborenen genetischen oder verhaltensbezogenen Eigenschaften zu verbessern mit dem Ziel, bestmöglich auf bevorstehende Veränderungen zu reagieren (Lei et al., 2014). Ein Begriff, der auch in der Resilienzforschung eine relevante Rolle spielt (Kalisch et al., 2017, 2021).

Auf individueller Ebene geschieht Anpassung häufig durch soziales Lernen – also den Erwerb von Wissen und Fähigkeiten durch den Austausch, die Beobachtung sowie die Interaktion mit anderen – und umfasst zwei Seiten: Schadensminimierung (Vermeidung/Verringerung negativer Folgen) und Chancennutzung (bestmögliche Nutzung von Vorteilen trotz unkontrollierbarer Störungen) (Lei et al., 2014).

Ein anschauliches Beispiel zeigt sich im Umgang mit einer Hitzewelle, die für das menschliche Individuum ein unkontrollierbares Phänomen darstellt. Negative Auswirkungen könnten verringert werden, indem man sich im Schatten aufhält, körperliche Anstrengung reduziert oder den Tagesablauf anpasst. Gleichzeitig können daraus neue, langfristig gesunde Gewohnheiten entstehen, etwa das tägliche Eincremen mit Sonnencreme zur Hautkrebsvorsorge. Solche Anpassungsstrategien lernen Menschen zum Beispiel über Rollenmodelle (z. B. Familie, Beziehungspersonen) oder Aufklärungskampagnen (z. B. in Bildungseinrichtungen, Nachrichten oder sozialen Medien).

Auf systemischer Ebene bedeutet Anpassungsfähigkeit nach Roth (2020) einerseits, dass Gesellschaften oder Systeme flexibel auf Stressoren reagieren und rasch zu ihrer normalen Funktionsfähigkeit zurückfinden (“bounce back”), anderseits sich aber auch weiterentwickeln und aus den gemachten Erfahrungen lernen und sich proaktiv verbessern (“bounce forward”). Oder anders formuliert: Die Anpassungsfähigkeit menschlicher Systeme wird als eine Fähigkeit verstanden, auf allen Ebenen – vom Individuum bis zur Menschheit – die Lebensqualität ihrer Mitglieder in einer oder mehreren Umgebungen zu verbessern oder zumindest aufrechtzuerhalten (Gallopín, 2006).

Am bereits genannten Beispiel der Hitzewelle lässt sich weiter verdeutlichen: Während biologische Systeme auf hohe Temperaturen meist nur reaktiv reagieren (z. B. durch Schwitzen oder Rückzug), können Menschen ihre Lebensbedingungen proaktiv verbessern, indem sie etwa Klimaanlagen installieren, die Gebäudedämmung verbessern, Städte zur Kühlung begrünen oder Arbeits- und Aktivitätszeiten dauerhaft in kühlere Tagesabschnitte verlegen. Folglich wird nicht nur im Sinne des “bounce back” kurzfristig auf die Hitzewelle reagiert, sondern die Lebensgrundlage und -qualität auch langfristig für zukünftige Hitzeereignisse im Sinne des “bounce forward” verbessert.

Die Anpassungsfähigkeit begünstigt somit eine adaptive Flexibilität im Umgang mit Stressoren, wodurch das Überleben sowie die Lebensqualität in einer sich kontinuierlich verändernden Umwelt gesichert und verbessert werden.

– von Marius Wossidlo, wissenschaftliche Hilfskraft der Plattform Transfer am Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR), Rosa Horneff, Referentin und Coach der Plattform Transfer am LIR und Dr. Isabella Helmreich, Leitung Wissenstransfer am LIR

 

Quellen

Gallopín GC. Linkages between vulnerability, resilience, and adaptive capacity. Glob. Environ. Change. 2006;16(3):293-303. https://doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2006.02.004.

Kalisch R, Baker DG, Basten U, Boks MP, Bonanno GA, Brummelman E, Kleim B. The resilience framework as a strategy to combat stress-related disorders. Hum. Behav. 2017; 1(11):784-90. https://doi.org/10.1038/s41562-017-0200-8.

Kalisch R, Köber G, Binder H, Ahrens KF, Basten U, Chmitorz A, & Engen H. The frequent stressor and mental health monitoring-paradigm: A proposal for the operationalization and measurement of resilience and the identification of resilience processes in longitudinal observational studies. Frontiers in Psychology 2021; 12:710493. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.710493.

Lei Y, Wang JA, Yue Y, Zhou H, Yin W. Rethinking the relationships of vulnerability, resilience, and adaptation from a disaster risk perspective. Nat. Hazards. 2014;70(1):609-627. https://doi.org/10.1007/s11069-013-0831-7.

Roth F. Bouncing forward – Wie Erkenntnisse aus der Resilienzforschung in der Corona-Krise helfen können. 2020. Verfügbar unter: Fraunhofer Publica (Zugriff am 13.05.2026).