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Postsozialismus
Der Begriff „Postsozialismus“ bezieht sich auf die Staaten, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts über Jahrzehnte hinweg unter der Herrschaft kommunistischer Parteien standen. Er geht davon aus, dass diese Länder in ihren sozialen, kulturellen wirtschaftlichen und politischen Strukturen bis heute wesentlich und ursächlich durch die staatssozialistische Herrschaft geprägt sind. In diesem Sinne wird der Begriff in allen Forschungsdiskursen benutzt, die sich mit dem Wandel der ehemals sozialistischen Staaten befassen.
Im Zentrum des Konzepts stehen die Nachwirkungen der staatsozialistischen Herrschaft bis in die heutige Zeit. Sie werden als Ursache dafür angesehen, dass Entwicklungen wie die Umstrukturierung hin zu liberaler Demokratie und sozialer Marktwirtschaft seit den 1990er Jahren in diesen Ländern anders abliefen als andernorts, mit einem größeren Risiko des Scheiterns belastet waren und zu anderen Ergebnissen geführt haben.
Postsozialismus-Forschung fokussiert je nach Disziplin und Fachbereich auf unterschiedliche Gesichtspunkte. Gemeinsam ist allen Postsozialismus-Strömungen allerdings die Kritik am Transitions-Paradigma. Dieses ging von einer umstandslosen und „von oben“ gesteuerten Übertragung des westlichen Modells von Demokratie und Marktwirtschaft auf die Staaten des ehemaligen Ostblocks aus, ohne jedoch historische Erfahrungen und lokale Gegebenheiten in Rechnung zu stellen. Vertreter:innen des Postsozialismus plädieren demgegenüber für eine Vorstellung des Umbruchs von 1989/90 als höchst komplexem, mitunter widersprüchlichem und tendenziell ergebnisoffenem sozialen und historischen Prozess, der sich gegen „universalistische“ Vorstellungen über gesellschaftlichen Wandel wendet, wie sie etwa im Begriff der Transition zum Ausdruck kommen.
Kritik am Begriff kommt aus einzelnen Disziplinen. So wird etwa von Seiten der Wirtschaftssoziologie betont, dass keine spezifisch postkommunistische Spielart des Kapitalismus entstanden sei, sondern sich mehrere unterschiedliche Kapitalismustypen herausgebildet haben (z.B. neo-korporatistischer Kapitalismus in Slowenien vs. neoliberaler Kapitalismus v.a. im Baltikum). Sozialanthropolog:innen wiederum betonen die Vielfalt existierender „Postsozialismen“ und fordern eine differenzierte Einbettung in die sich globalisierende Welt. Politikwissenschaftler:innen weisen zudem darauf hin, dass der Umbruch von 1989/90 in Europa zu mindestens drei politischen Systemen geführt hat: Demokratien in den neuen EU-Mitgliedstaaten (z.B. Lettland, Estland, Litauen), autoritäre Regime in den meisten Nachfolgestaaten der Sowjetunion (z.B. Belarus, Kasachstan) und hybride Regime in einigen südost- und osteuropäischen Ländern (z.B. Ungarn, Serbien).
Konsens besteht jedoch darin, dass der Staatssozialismus – ungeachtet seiner regionalen Metamorphosen nach 1989/90 – weiterhin einen wesentlichen Bezugspunkt kollektiver und individueller Realitätsdeutungen bildet und als kritische gesellschaftliche Referenz nach wie vor bedeutungsvoll sei.
– von Dr. Tilmann Siebeneichner, Koordinator im Leibniz-Lab
Quellen:
Petra Stykow, Postsozialismus. Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.04.2013, https://docupedia.de/zg/stykow_postsozialismus_v1_de_2013, DOI: https://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok.2.250.v1
