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Transition
Transition wird zur Bezeichnung des Übergangsprozesses von einem gesellschaftlichen Zustand in einen anderen verwendet. Er unterscheidet sich vom allgemeinen Begriff des sozialen Wandels, der sich auf sämtliche soziale Veränderungen in ihrer Gesamtheit inklusive des Ausgangs- und Endzustandes bezieht. Im Fall der Transition geht es allein um die Zeit der Veränderung zwischen den beiden Zuständen. Gleichzeitig ist die Transition nicht mit der Transformation zu verwechseln, denn letztere konzentriert sich auf die Gestaltung von Veränderungen. Demgegenüber zielt die Transition nur auf den Prozess der Neuausrichtung selber ab. Demzufolge ist die Transition nur ein zeitlicher und prozessualer Ausschnitt des sozialen Wandels. Diese Eingrenzung der Transition ist jedoch neu. In früheren Verwendungen wurde Transition häufig synonym mit Transformation verwendet und auf alle möglichen Wandlungsprozesse angewendet. Zudem bezog sich Transition meist exklusiv auf den Übergang von nichtdemokratischen zu demokratischen politische Systeme. Der Grund für diese einseitige Anwendung waren die vielen erfolgreichen Demokratisierungen in Südeuropa (z.B. Spanien, Portugal) und Südamerika (z.B. Argentinien, Brasilien) mit denen sich die Forschung intensiv befasste. Hieraus entstand seit den 1980er das sehr bekannte Transition-Paradigma, bei dem alle Systemwechsel scheinbar nur Einbahnstraßen Richtung liberaler Demokratie sind.
In der aktuellen Forschung und auch im Lab verstehen wir Transition viel offener als die Zeit der Veränderungen, bei der sich aus alten sozialen Strukturen neue ausbilden. Solche Prozesse finden aber nicht in einem Vakuum statt. Veränderungen von Wirtschaft, Kultur oder Politik ereignen sich immer in bereits geregelten und sozial strukturierten Gesellschaften. Folglich behandelt die Transition, wie neue Strukturen durch die Anpassung und Reorganisation überkommener sozialer Strukturen entstehen. Zum Beispiel erhalten im Wandel alte Institutionen wie die Kirche, die Familie oder die politische Repräsentation durch andere Personen (Adel) nach und nach neue Funktionen. So verbinden sich alte und neue Regelungen, Aufgaben und Funktionen, die wiederum die Resultate sozialen Wandels oder auch Transformation bestimmen. Als Zwischenzustand erschafft die Transition die Bedingungen für die Herausbildung der „neuen“ Gesellschaft. Zudem erzeugen diese vorläufigen Zwischenzustände etwa in Form fragiler sozialer Identitäten, dysfunktionaler Institutionen und widersprüchlicher Systeme neue, häufig unvorhergesehene Dynamiken des sozialen Wandels. Für dieses Verständnis von der Offenheit von Wandel, der neuen offenen Wandel auslöst, ist der Transitionbegriff besonders sinnvoll.
– von Dr. habil Jörn Knobloch, Koordinator im Leibniz-Lab
Quellen
Ralf Dahrendorf (1990), Transitions: Politics, Economy, and Liberty, in: The Washington Quaterly, 13 (3), 133-142.
Thomas Carothers(2002), The End of the Transition Paradigm. In: Journal of Democracy 13(1), 5-21. https://dx.doi.org/10.1353/jod.2002.0003.
„Transitionen“, Themenpapier zum 42. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Universität Duisburg-Essen, Campus Duisburg, 22.-26.09.2025, https://soziologie.de/fileadmin/user_upload/kongress/Themenpapier_DGS_Kongress_2025_Duisburg.pdf
