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Resilienz
…leitet sich vom lateinischen ‚resilire‘ („abprallen, zurückspringen“) ab. Ursprünglich in der Physik bzw. Materialkunde verwendet, wurde der Begriff jedoch im Laufe der Zeit in zahlreiche weitere Disziplinen übertragen und dort als „traveling concept“ aufgegriffen – etwa im Zusammenhang mit Individuen, Familien, Organisationen, Gesellschaften, Ökosystemen oder dem Krisenmanagement.
Disziplinübergreifend bedeutet Resilienz die Toleranz von Systemen gegenüber Störungen, d. h. Systeme durchlaufen dynamische Anpassungsprozesse, erfassen Störungen früh und regulieren adaptiv nach, um sich zu reorganisieren. Ziel der Resilienzforschung ist, Veränderungsprozesse zu lokalisieren und zu quantifizieren, um Interventionspunkte zu finden.
In der psychologischen Resilienzforschung beschreibt Resilienz die Aufrechterhaltung bzw. rasche Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während oder nach stressvollen Lebensereignissen (Kalisch et al., 2017, 2021). Zwei Grundelemente definieren das Konzept: 1.) Resilienz erfordert das Vorliegen eines bedeutsamen Stressors (= Auslöser einer Stressreaktion) und 2.) Resilienz drückt sich in der erfolgreichen Bewältigung des Stressors aus. Zum Beispiel zeigt sich Resilienz, wenn eine Person nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen oder des Arbeitsplatzes (=Stressor) zwar zunächst stark belastet ist, jedoch nach einer gewissen Zeit wieder in der Lage ist, ihren Alltag zu bewältigen, soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten, neue Perspektiven zu entwickeln und langfristig psychisch stabil zu bleiben (= Bewältigung).
Die in der Forschung verwendeten Definitionen und Operationalisierungen (= Messbarmachen) sind sehr unterschiedlich. Zudem ist Resilienz kein statisches, sondern ein dynamisches Merkmal, das im Wechselspiel von Person und Umwelt entsteht. Neuere Forschungsansätze verstehen Resilienz daher weniger als stabile Persönlichkeitseigenschaft, sondern als dynamischen Prozess bzw. als Ergebnis eines solchen (Outcome).
Resilienz entwickelt sich demnach im Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren:
- genetische Disposition
- individuelle Bewältigungsstrategien (z. B. personenbezogene Resilienzfaktoren/-mechanismen wie Selbstwirksamkeit, Optimismus, kognitive Flexibilität)
- lebensweltliche Bedingungen (z. B. Arbeits-/ Wohnbedingungen)
- verfügbare Ressourcen (z. B. soziale Unterstützung)
- biografische Erfahrungen im Umgang mit belastenden Herausforderungen (Arnold et al., 2023).
Betrachtet man Resilienz als Outcome zeigen sich häufig vier verschiedene Verläufe: Resilienz, Erholung, chronische Beeinträchtigung und verspätetes Einsetzen von Symptomen (s. Abbildung 1). Bei resilienten Verläufen (grün in Abb. 1) sind die Symptome einer Person entweder anhaltend niedrig ausgeprägt oder die Person erholt sich rasch nach einem vorübergehenden Anstieg dieser Symptome.

Abbildung 1: Schematische Darstellung der unterschiedlichen Reaktionsmuster auf Stressoren (nach Galatzer-Levy et al. (2018) und Schäfer et al. (2026).
Überblicksarbeiten (Bonanno et al., 2011; Galatzer-Levy et al., 2018; Schäfer et al., 2022) zeigen, dass Resilienz eher die Norm ist: bis zu 65 % der Betroffenen bleiben trotz potenziell traumatischer Ereignisse psychisch gesund.
Maßnahmen zur Förderung von Resilienz können sowohl beim einzelnen Menschen als auch in der Gesellschaft zur Prävention von Erkrankungen eingesetzt werden. Sie helfen Menschen und Organisationen (z. B. Familien, Schulen, Betriebe oder Gesundheitseinrichtungen) dabei, Stressoren besser zu bewältigen und sich langfristig zu stabilisieren bzw. weiterzuentwickeln (Gilan et al., 2024; Schäfer et al., 2026).
– von Dr. Isabella Helmreich, Leitung Wissenstransfer am Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR)
Referenzen
Arnold M, Schilbach M, Rigotti T, Paradigmen der psychologischen Resilienzforschung: Eine kleine Inventur und ein Ausblick. Psychologische Rundschau 2023; 74(3):154-165. https://doi.org/10.1026/0033-3042/a000627.
Bonanno GA, Westphal M, Mancini AD. Resilience to loss and potential trauma. Rev. Clin. Psychol. 2011; 7:511-35. https://doi.org/10.1146/annurevclinpsy-032210-104526.
Chmitorz A, Kunzler A, Helmreich I, et al. Intervention studies to foster resilience – A systematic review and proposal for a resilience framework in future intervention studies. Psychol. Rev. 2018; 59:78-100. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2017.11.002.
Galatzer-Levy IR., Huang SH, Bonanno GA. Trajectories of resilience and dysfunction following potential ; trauma: a review and statistical evaluation. Psychol. Rev. 2018; 63:41–55. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2018.05.008.
Gilan D, Kalisch R, Helmreich I. Individuelle Resilienz und resiliente Krisenbewältigung. In: J. Baas (Hrsg.) Für ein krisenfestes Gesundheitssystem (S. 245-258). Berlin: MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.
Kalisch R, Baker DG, Basten U, Boks MP, Bonanno GA, Brummelman E, Kleim B. The resilience framework as a strategy to combat stress-related disorders. Hum. Behav. 2017; 1(11):784-90. https://doi.org/10.1038/s41562-017-0200-8.
Kalisch R, Köber G, Binder H, Ahrens KF, Basten U, Chmitorz A, & Engen H. The frequent stressor and mental health monitoring-paradigm: A proposal for the operationalization and measurement of resilience and the identification of resilience processes in longitudinal observational studies. Frontiers in Psychology 2021; 12:710493. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.710493.
Schäfer SK, Kunzler AM, Kalisch R, Tüscher O, Lieb K. Trajectories of resilience and mental distress to global major disruptions. Trends Cogn. Sci. 2022; 26(12):1171-1189. doi: 10.1016/j.tics.2022.09.017. Epub 2022 Oct 24. PMID: 36302711; PMCID: PMC9595401.
Schäfer SK, Stoffers-Winterling J, Lieb K. Towards mechanism-focused and scalable resilience interventions. Rev. Psychol. 2026. https://doi.org/10.1038/s44159-026-00573-y.
