Beitrag
5 Min.
17. September 2026
Die Zukunft der Großwohnsiedlungen
Zu DDR-Zeiten waren die Schweriner Stadtteile Mueßer Holz und Neu-Zippendorf beliebte Wohngegenden, heute gelten sie als Problemviertel. Initiativen bemühen sich Jahren, die Viertel zu beleben und die unterschiedlichen Bewohner:innen zu verbinden. Doch die Initiativen kämpfen mit vielen Problemen. Wie sehen die Lösungen aus?
Denkt man an Schwerin, haben die meisten wohl Bilder des prachtvollen Schlosses vor Augen, malerisch gelegen auf einer kleinen Insel im Schweriner See. Vielleicht auch Bilder von der pittoresken Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern und dem backsteinroten Dom. Kaum jemand denkt wohl an kastenförmige Plattenbauten, die wie Bauklötze über die weiten Ausläufer der Stadt verteilt stehen. Dabei machen diese Gebäude einen beachtlichen Anteil des Schweriner Stadtbilds aus. Fast ein Drittel der Schweriner Bevölkerung lebt in den Großwohnsiedlungen, das entspricht rund 33.000 Personen. Genau da wollen wir heute hin.
Es ist ein warmer Tag Ende Mai und wir sind mit dem Leibniz-Lab in der mecklenburgischen Landeshauptstadt. Gemeinsam mit Menschen aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft, aus der Quartiersarbeit, Wohnungsbaugesellschaften und kommunalen Unternehmen wollen wir eine kleine Bestandsaufnahme vornehmen: Wie kann die Zukunft der Großwohnsiedlungen aussehen?
Die seit den 1960er Jahren in Reaktion auf den Wohnungsmangel gebauten Großwohnsiedlungen waren insbesondere seit dem Ende der DDR vom Wandel betroffen: Abwanderung, Leerstand, Rück- und Umbau prägten seit dem Mauerfall die Siedlungen, die oft als unattraktiv galten und auch aktuell meist einen negativen Ruf haben.
Mit im Gepäck haben wir das Wissen aus dem Forschungsprojekt „StadtumMig“. Für drei Jahre haben Forscher:innen aus Dresden, Berlin und Erkner untersucht, wie Großwohnsiedlungen in ostdeutschen Großstädten so genutzt und weiterentwickelt werden können, dass alle Bewohner:innen integriert werden, sich wohl fühlen und ein gemeinschaftliches Miteinander entsteht. Dafür haben sie die Stadtteile Sandow in Cottbus, Neustadt in Halle an der Saale sowie Neu Zippendorf und Mueßer Holz in Schwerin untersucht. Sie haben mit den Bewohner:innen, Initiativen und Entscheidungsträger:innen vor Ort gesprochen und die Viertel kartografiert.
ÖPNV und Schulen sind gut, Freizeitmöglichkeiten mau
2023 führten die Forscher:innen eine Umfrage mit den Bewohner:innen der Viertel durch, um herauszufinden, womit die Menschen zufrieden sind und wo sie Verbesserungsbedarf sehen. In Mueßer Holz und Neu Zippendorf nahmen 1322 Personen teil. Die Ergebnisse der Umfrage stellt die Soziologin Prof. Dr. Nihad El-Kayed an diesem Tag vor: „Mit dem ÖPNV, den Einkaufsmöglichkeiten im Stadtviertel, den Schulen und Kindergärten sowie den Grün- und Erholungsflächen sind die meisten Menschen hier sehr zufrieden“, sagt sie.
Deutlich schlechter sieht es bei den Freizeitmöglichkeiten aus. Vor dem Mauerfall gab es im Viertel ein Tanzlokal und viele kleine Geschäfte, doch die wurden alle abgerissen. Heute gibt es kaum Sport- und Spielplätze, Kinos, Kulturangebote oder Gastronomie. Auch mit dem Angebot an Volkshochschulen und Bibliotheken, sozialen Einrichtungen und Beratungsangeboten sind die Menschen unzufrieden. Zudem seien viele Ämter schlecht erreichbar.
Was Nihad El-Kayed bei der Auswertung der Umfrage auffiel: „Die negativen Aspekte wurden vor allem von Personen ohne Migrationshintergrund genannt. Menschen mit Migrationshintergrund haben stattdessen überwiegend von Diskriminierungserfahrungen im Stadtviertel berichtet.“
Mueßer Holz ist der diverseste Stadtteil Schwerins, wenn man nach der Herkunft der Bevölkerung geht. Rund 35 Prozent der Anwohner:innen haben einen Migrationshintergrund. Seit 2015 sind besonders viele Geflüchtete in dem Viertel untergekommen. Umso wichtiger sind hier Angebote zur Integration und für ein gemeinschaftliches Miteinander.
Viel Platz, aber keine Räume zum Treffen
Aktuell gibt es in Neu Zippendorf und Mueßer Holz einen dauerhaft finanzierten Multifunktionsraum: den Campus am Turm, kurz CaT. Dieses Bildungszentrum beherbergt unter anderem eine Volkshochschule, eine Grundschule, ein Bürger:innenzentrum und eine Familienberatungsstelle.
Doch dieses Angebot reicht nicht. In den letzten Jahren haben sich viele Initiativen aufgebaut; einige von ihnen wollen wir am Nachmittag bei einem Stadtspaziergang erkunden. Aber viele von ihnen werden nur für wenige Jahre gefördert und laufen dann aus. Zudem gibt es zu wenig Räume, wo sich die Initiativen einrichten können. Dadurch entstehe eine gewisse Konkurrenz zwischen den Projekten, wie Mitglieder der Initiativen an diesem Vormittag berichten.
Die Stimmen aus Wissenschaft, Verwaltung und Praxis sollen in ein städtisches Konzept für segregationsmindernde Maßnahmen im Mueßer Holz und Neu Zippendorf miteinfließen. Im Gespräch zwischen den Beteiligten wird an diesem Vormittag deutlich: Neu Zippendorf und Mueßer Holz benötigen mehr Freizeiteinrichtungen, öffentlich nutzbare Räume und Bildungsangebote. Damit sich die Quartiere nachhaltig entwickeln können, brauchen sie eine angemessene Grundausstattung, die nicht allein durch Bottom-up-Prozesse aufgebaut werden kann. Diese Strukturen müssen vor allem durch den Staat gewährleistet werden und können nicht nur durch soziale Einrichtungen vor Ort getragen werden.
Zwischen Blöcken, Bienen und viel Engagement
Der erste Teil unserer Veranstaltung endet mit einem gemeinsamen Mittagessen. Mit vollem Magen steigen wir danach in die Tram und fahren mit der Linie 1 aus der Innenstadt Richtung Mueßer Holz. Etwa 25 Minuten dauert die Fahrt, vorbei an malerischen Seen und durch Wohngebiete. Nun wollen wir die Orte erleben, über die wir die letzten Stunden so ausführlich gesprochen haben.
Die Bewohner:innen aus Mueßer Holz und Neu-Zippendorf sehen Schwerin als Doppelstadt: Es gibt die Innenstadt und die Großwohnsiedlungen, die zwar formal zusammengehören, aber räumlich, kulturell und sozial deutlich voneinander getrennt sind.
An der letzten Haltestelle vor der Wendeschleife steigen wir aus. Hier beginnt der öffentliche Teil unserer Veranstaltung, zu dem wir auch die Bewohner:innen Schwerins eingeladen haben. Wir wollen mit ihnen gemeinsam die Stadtteile erkunden und ein paar soziale Einrichtungen besuchen. Knapp 30 Personen sind unserer Einladung gefolgt.
Zu Besuch in einer typischen Plattenbauwohnung
Unsere erste Station ist eine Gemeinschaftsunterkunft für Personen mit Flucht- oder Migrationshintergrund, die im Auftrag der Stadt vom Malteser Hilfswerk betrieben wird. Wir dürfen eine leerstehende Wohnung besichtigen und Einrichtungsleiter Dirk Oehmigen erklärt uns die Standardausstattung sowie den Aufbau. „Die meisten Plattenbauwohnungen wurden in der DDR nach demselben Schema erbaut: Drei Zimmer, Küche, Bad und Balkon.“ Insgesamt rund 65 Quadratmeter. Ein Teilnehmer auf der Tour erkennt den Grundriss sofort wieder, als er den Flur betritt: „Meine Wohnung ist genauso geschnitten“, sagt er.
Trotz der einheitlichen Bauweise sind die Neubauten im Viertel nicht alle gleich. Mal sind sie ganz hoch mit einem Dutzend Etagen, mal eher niedrig mit drei Stockwerken. Manche sehen frisch renoviert aus und andere hätten eine Renovierung nötig.
Hier als größere Gruppe unterwegs zu sein und alles neugierig zu betrachten, fühlt sich besonders an. Gruppen wie unsere laufen an diesem Tag eher durch das Stadtzentrum, von einer ausgeschilderten touristischen Sehenswürdigkeit zur nächsten. Hier stehen vor allem Wohnhäuser. Die Einkaufsmöglichkeiten liegen einige Straßenbahnhaltestellen zurück.
Den nächsten Stopp machen wir am Plattenpark. Zwischen Bienenstöcken, Obstbäumen und Hochbeeten stehen bunt gestaltete Bruchstücke alter Plattenbauten. Die ehrenamtlichen Mitglieder erzählen von der Arbeit der Initiative „Die Platte lebt e.V.“: Regelmäßig organisieren sie Aktionen wie gemeinsames Müllsammeln, bei denen jedes Mal die Bewohner:innen aus den verschiedenen Winkeln der Stadtteile zusammen kommen.
Viele Ahnwohner:innen wissen nichts von den Angeboten
Weiter geht es zum „Zukunft im Mueßer Holz-Treff“ – kurz ZiMT. Unser Weg führt durch ruhige Straßen, vorbei an grünen Wiesen, Hecken, Bäumen. Die Natur hat sich ausgebreitet, auch über Flächen, wo früher noch Wohnblöcke standen, die abgetragen oder zurückgebaut wurden.
Im Hof des ZiMT stellen uns Geschäftsführer Thomas Littwin und Timothy Kobarg vom Verein „UNA – Unabhängige Hilfe für ein selbstbestimmtes Leben“ das Angebot vor: „Wir vermitteln barrierearme Wohnungen, haben Werkstätten, ein Café und Platz zum Zusammensitzen und Austauschen“, sagt Littwin.
Aber viele Anwohner:innen scheinen nichts von den Angeboten zu wissen. Im Gespräch erzählt eine Teilnehmerin, wie sie vor ein paar Jahren nach einer Fahrradwerkstatt gesucht und nach intensiver Suche endlich die Werkstatt des ZiMT gefunden habe
Woran das liegt, kann uns an diesem Tag niemand so richtig erklären. Was uns vom Leibniz-Lab jedoch auffällt: Viele der Initiativen liegen ein bisschen versteckt. Das ZiMT hat seinen Sitz beispielsweise nicht direkt an der Straße, wo Passant:innen und Autos täglich vorbei kommen, sondern um die Ecke im Hinterhof. Wenn man das nicht weiß, findet man es nicht so schnell. Darüber hinaus gibt es auf der offiziellen Website der Stadt Schwerin keine Übersicht über die lokalen Initiativen der Stadt. Man findet sie am besten, wenn man direkt nach ihnen sucht – aber dafür muss man erstmal wissen, dass es sie gibt.
Über diesen Artikel
Lesen Sie auch
Der Raum dazwischen: Was braucht es für ein gutes Miteinander in Großwohnsiedlungen?
Zu DDR-Zeiten waren sie beliebt, heute sind sie umstritten - der Ruf der Großwohnsiedlung hat sich gewandelt. Trotz engagierter Stadtumbauprojekte prägen Leerstand, ungenutzte Freiflächen und Lücken in der Infrastruktur die Plattenbauviertel in vielen ostdeutschen Großstädten. Das sorgt für Unzufriedenheit bei Anwohner:innen. Was wünschen sie sich von ihren Vierteln?
Das Erstarken der extremen Rechten in Deutschland
Warum sind rechte und rechtsextreme Bewegungen in Krisenzeiten erfolgreich? Dieser Frage geht Daniel Mullis in seinem Buch „Der Aufstieg der Rechten in Krisenzeiten“ nach – und sucht die Erklärung nicht rechtsaußen, sondern in der vielbeschworenen Mitte der Gesellschaft: Schließlich handelt es sich nicht um ein Randphänomen, wenn die AfD Wahlerfolge von bundesweit 20 Prozent der Stimmen erzielt. Im Gespräch berichtet er über den Forschungsprozess und beschreibt die Dynamiken, die reaktionäre Haltungen und rechte Ideologien in der Mitte der Gesellschaft anschlussfähig machen.
Leipziger Pflastergeschichte/n: Wir suchen persönliche Geschichten zum Leipziger Straßenpflaster
Das Pflaster einer Stadt ist mehr als nur der Boden unter unseren Füßen - es trägt Geschichte in sich, aber auch viele persönliche Geschichten. Mit dem partizipativen Projekt „Leipziger Pflastergeschichte/n" lädt das Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) alle Leipziger:innen dazu ein, ihre Erinnerungen und Erfahrungen rund um Straßenbeläge, Gehwege und Gangarten in der Stadt zu teilen. Damit wirkt die Stadtbevölkerung gleichzeitig aktiv an einem Ausstellungsprojekt mit.
