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Eine Frau sitzt mit einem Laptop und einem Hund auf einer Couch.

24. September 2026

„Ich bin in einer Wohnung angekommen, aber nicht in einem Land“

Durch remote work können Geflüchtete aus der Ukraine ein Stück ihres alten Lebens in ihren neuen Alltag mitnehmen. Aber die Arbeit von zu Hause bringt auch Nachteile mit sich. Eine Forscherin hat sich damit genauer beschäftigt.

Porträt von der Forscherin Anna Oechslen

Dr. Anna Oechslen

Wissenschaftlerin

Institut: Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS)

E-Mail: Anna.Oechslen@leibniz-irs.de

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Im Home Office zu arbeiten, ist seit Corona für viele normal geworden. Einige haben ein oder zwei feste Tage in der Woche, an denen sie von zu Hause arbeiten, um sich den Weg zur Arbeit zu sparen, nebenbei ein paar Dinge im Haushalt zu erledigen oder weil sie sich in den eigenen vier Wänden besser konzentrieren können.
 
Doch für Geflüchtete aus der Ukraine ist Remote Work noch viel mehr: Sie können dadurch den Kontakt in die Ukraine und zu ihrem Leben vor dem Krieg aufrechterhalten. Ein Team von Forschenden in Deutschland, Tschechien und der Ukraine hat im Projekt REMAKING[1] die Erfahrungen von Schutzsuchenden aus der Ukraine mit Remote Work untersucht. Dabei wurde deutlich: Erwerbsarbeit ist Teil eines Geflechts von Beziehungen, die sich durch ihre Flucht räumlich verändert haben.

Remote work schafft eine Verbindung nach Hause…

Digitale Technologien ermöglichen es vielen Menschen, von fast überall aus zusammenzuarbeiten: Sie müssen nicht mehr unbedingt im gleichen Raum – oder auch nur im gleichen Land – sein wie ihre Kolleg*innen, sondern können ihre Arbeit auch zu Hause, in einem Coworking Space oder im Flugzeug erledigen.

Als sie nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ihr Zuhause verlassen mussten, mussten die Befragten in dieser Studie deshalb nicht automatisch auch ihren Job zurücklassen. Viele hatten spätestens seit der Covid-19-Pandemie schon Erfahrung damit, remote zu arbeiten und nahmen nun von Deutschland aus an Online-Meetings teil. So blieben sie mit Kolleg*innen in Verbindung, von denen einige in der Ukraine blieben, aber auch viele seit Beginn des Krieges über ganz Europa verstreut waren.

Auch für Schutzsuchende, die eigentlich gerne einen Job in Deutschland finden wollten, war Remote Work eine Ausweichstrategie: Weil es ihnen ohne ein Netzwerk vor Ort und mit wenig Deutschkenntnissen schwerfiel, eine qualifizierte Arbeit in ihrem Feld – etwa IT oder Projektmanagement – zu finden, wichen sie auf internationale Freelance-Aufträge aus. Sie arbeiten teilweise parallel für Auftraggebende in verschiedenen Ländern.

Einige international agierende Unternehmen haben sich an die Situation angepasst: Die schwedische Firma Sigma Software beispielsweise betrieb vor dem Krieg ein großes Büro in Kharkiv im Osten der Ukraine. Um die Mitarbeitenden auch nach ihrer Flucht weiter beschäftigen zu können, eröffneten sie Niederlassungen in mehreren europäischen Ländern.

…und verhindert eine Verbindung zum neuen Wohnort

Schutzsuchende aus der Ukraine nutzen translokale Arbeit also als Strategie, um mit der gravierenden Unsicherheit, der sie durch Kriegs- und Fluchterfahrungen ausgesetzt sind, umzugehen. Gleichzeitig berichten sie, dass sie sich dadurch manchmal wie abgeschnitten von ihrem aktuellen Wohnort fühlen: Eine Forschungsteilnehmerin erzählte zum Beispiel, sie sei „in einer Wohnung, aber nicht in einem Land“ angekommen.

Die Verbindungen, die Remote Work über Distanz schafft, gehen teilweise auf Kosten von Beziehungen im direkten Umfeld. Oft bleibt wenig Zeit für einen Sprachkurs, der Austausch mit Kolleg*innen vor Ort fällt weg und weil die meisten von zu Hause arbeiten, ergeben sich wenige Kontakte mit der Umgebung.  Dazu kommt, dass die digitalen Verbindungen mit Kolleg*innen in der Ukraine oft von Strom- und Internetausfällen unterbrochen werden – auch hier sind die Verbindungen also alles andere als nahtlos.

Das zeigt sich auch bei der Pflege beruflicher Netzwerke: Empfehlungen für Aufträge oder der Austausch zu Entwicklungen in der Branche, die vor dem Krieg oft bei einem Glas Wein bei einer Veranstaltung Platz fanden, werden digital über Plattformen wie Slack oder Telegram, aber auch durch gegenseitige Besuche weitergeführt. Diese Netzwerke bieten Unterstützung durch Wissensvermittlung, Referenzen und die Möglichkeit, sich zu Erfahrungen auszutauschen. Remote Work ist für einige auch eine Strategie, um mit beruflichen Netzwerken in der Ukraine in Kontakt zu bleiben; gleichzeitig beschreiben viele, dass sie mit der Zeit eine größere Distanz spüren, wenn sie nur digital kommunizieren.

Eine Grafik mit Tabelle und Pfeilen zeigt an, wie sich Verbindungen zwischen der Ukraine, dem digitalen Raum und dem neuen Ankunftsort der Menschen verschoben haben.

Care Arbeit über das Smartphone

Neben Erwerbsarbeit spielt auch Fürsorgearbeit eine wichtige Rolle im Alltagsleben vieler Ukrainer*innen.Durch den Krieg in der Ukraine wurden Familien räumlich getrennt: Weil Männer, die der Armee zur Verfügung stehen könnten, oft das Land nicht verlassen dürfen, sind viele Frauen in ihrem Aufnahmeland alleine für die Versorgung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen verantwortlich.

Gleichzeitig findet Fürsorgearbeit auch über räumliche Distanz hinweg statt: Beziehungen werden zum Beispiel durch Videocalls und Nachrichten gepflegt, aber auch durch regelmäßige Besuche bei Angehörigen und Freund*innen. Ukrainer*innen reisen beispielsweise zeitweise in ihre Heimat, um für ihre Familie da zu sein oder treffen sich in anderen europäischen Ländern; oft arbeiten sie von dort aus weiter, um längere Besuche zu ermöglichen.

Durch Remote Work fließen Erwerbs- und Fürsorgearbeit noch stärker ineinander, etwa, wenn Eltern zu Hause Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung parallel managen. Das kann die Koordination leichter machen, aber es führt auch dazu, dass Arbeitstage sich bis in die späten Abendstunden ziehen und jede freie Minute zur potenziellen Arbeitszeit wird.

Ehrenamtliches Engagement erleichtert das Ankommen

Trotz dieser großen Arbeitsbelastung engagieren sich Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind, oft lokal, zum Beispiel in Urban-Gardening-Projekten oder im Sportverein. Sie gestalten so ihre direkte Umgebung mit und knüpfen lokale Kontakte, die ihnen durch die Remote-Arbeit fehlen.

Lokale Unterstützungsinitiativen leisten außerdem einen wichtigen Beitrag dazu, Schutzsuchenden aus der Ukraine das Ankommen zu erleichtern; oft werden sie maßgeblich von Ukrainer*innen, die schon vor längerer Zeit migriert sind, zusammengehalten. Sie bieten beispielsweise Kinderbetreuung an oder beraten neu Angekommene zum Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Gleichzeitig finden Ehrenamt und Aktivismus oft auch aus der Ferne statt: Ukrainer*innen sammeln zum Beispiel Spenden für die Ukraine oder bieten virtuellen Nachhilfeunterricht an.

Remote Work kann also dabei helfen, Verbindungen ins Herkunftsland und darüber hinaus aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig geht das manchmal auf Kosten von Beziehungen zur unmittelbaren Umgebung. Erwerbsarbeit, persönliche Beziehungen und freiwilliges Engagement sind eng miteinander verwoben und finden jeweils sowohl vor Ort als auch über Distanz statt.

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[1] Remote-Working Multiple Impacts in the Age of Disruptions: Socioeconomic Transformations, Territorial Rethinking, and Policy Actions. Das Projekt wird von der EU gefördert.

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