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26. Oktober 2026
„Sachsen-Anhalt kann es sich nicht leisten, dieses Potential zu verschenken“
Eine AfD-Landesregierung hätte gravierende Folgen für Forschung und Lehre in Sachsen-Anhalt. Direkt betroffen wäre wahrscheinlich auch die Arbeit von Juliane Victor, die am IAMO für Gleichstellung, Diversität und Antidiskriminierung zuständig ist. Im Interview spricht Victor darüber, wie sie die aktuelle Situation wahrnimmt und welche Folgen eine AfD-Regierung für ihre Arbeit haben könnte.
Am 6. September 2026 gewann die Alternative für Deutschland (AfD) die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent. Sollte die Partei ab Dezember die Landesregierung stellen, könnte dies gravierende Folgen für Forschung und Lehre in Sachsen-Anhalt haben. Direkt betroffen wäre dann wahrscheinlich auch die Arbeit von Juliane Victor, Koordinatorin des FEM-Power-Projekts zur Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO). Victor ist u.a. für Diversität am Institut, die Gleichstellung von Frauen und Männern und für Maßnahmen gegen Diskriminierung zuständig. Im Interview mit dem Leibniz-Lab spricht sie darüber, wie sie die aktuelle Situation wahrnimmt und welche Folgen eine AfD-Regierung für ihre Arbeit haben könnte.
LEIBNIZ-LAB Hat das Wahlergebnis für Sie etwas verändert, obwohl die Regierungsbildung und ihre konkreten Folgen noch offen sind?
VICTOR Dass die AfD mit 43,8 Prozent so deutlich vorn liegt, hat mich nicht überrascht, aber trotzdem getroffen. Auch wenn noch offen ist, wer regiert, hat das Ergebnis etwas verschoben: Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass Gleichstellung und Weltoffenheit selbstverständlich mitgetragen werden. Wir müssen für sie werben.
Erleben Sie die gegenwärtige Situation als einen besonderen Moment der Unsicherheit oder des Umbruchs? Falls ja: Woran machen Sie das fest?
Ich erlebe die Situation eher als einen Moment, der aktiviert und zeigt, woran wir gemeinsam arbeiten müssen. Das Wahlergebnis hat deutlich gemacht, wie offen die Zukunft dieses Landes gerade ist. Gleichzeitig passiert in Sachsen-Anhalt viel: Der Strukturwandel wird mit erheblichen Mitteln gefördert, es entstehen zukunftsweisende Projekte, und die fünf Leibniz-Institute in Halle, Magdeburg und Gatersleben tragen mit exzellenter Forschung dazu bei. In der öffentlichen Wahrnehmung kommt das aber kaum an. Das vorherrschende Bild ist eher, dass wir abgehängt sind und feststecken. Hier für eine differenziertere Wahrnehmung zu sorgen, ist eine zentrale Aufgabe der Wissenschaftskommunikation. Und dann gilt es, das Innovative so auszubauen, dass das ganze Land davon profitiert.
Klar ist aber auch: Das Land braucht Veränderung. Die gelingt nur, wenn wir unsere internationalen Wissenschaftler:innen hier halten können, mit einer Zukunftsstrategie, die auf Offenheit und Zusammenarbeit setzt und nicht auf Ausgrenzung und Abschottung.
Das AfD-Regierungsprogramm enthält verschiedene Forderungen, die Gleichstellungs-, Diversitäts- und Antidiskriminierungsarbeit betreffen. Was bedeutet es für Sie, wenn solche Forderungen nach dem Wahlerfolg eine andere politische Relevanz bekommen – auch wenn ihre tatsächliche Umsetzung weiterhin offen ist?
Die Forderungen sind sehr konkret: Das Programm sieht vor, die Förderung von Gender- und Integrationsprojekten zu streichen, und Vereine sollen öffentliche Mittel nur noch bekommen, wenn sie eine sogenannte Patriotismuserklärung unterschreiben. Das betrifft genau die zivilgesellschaftlichen Organisationen, die Anlaufstellen für Menschen mit Sorgen und Diskriminierungserfahrungen sind.
Schon jetzt, bevor irgendetwas davon umgesetzt ist, spüre ich die Wirkung. Viele Wissenschaftler:innen hier sind verunsichert. Kolleginnen und Kollegen berichten mir, dass sie Anfeindungen im Alltag erleben. Wenn politische Ziele mit einer Stimmung erreicht werden sollen, die einem großen Teil der Bevölkerung Angst macht, sinkt die Lebensqualität für alle, in der Stadt wie auf dem Land. Und für Frauen in der Wissenschaft, die ohnehin noch unterrepräsentiert sind, ist ein solches Klima ein zusätzlicher Grund, sich gegen eine Karriere hier zu entscheiden.
Hat bereits diese Möglichkeit von Veränderungen konkrete Auswirkungen auf das kollegiale Miteinander und Ihre eigene Arbeit?
Ja, durchaus. Das IAMO ist ein sehr internationales Institut, und einige Kolleg:innen fragen sich inzwischen, ob sie in Sachsen-Anhalt bleiben wollen, viele auch mit Blick auf ihre Kinder. Wir wollen dem aktiv etwas entgegensetzen und alles daransetzen, dass sie bleiben. Ein erster Schritt war ein Workshop zum Umgang mit Hatespeech und Diskriminierung im Netz, weitere Angebote sind in Planung.
Für meine eigene Arbeit heißt das: Wissenschaftskommunikation und Frauenförderung bekommen eine neue Dringlichkeit. Es geht nicht mehr nur darum, Forschung sichtbar zu machen, sondern auch darum, Forschende zu schützen und zu stärken, gerade internationale Kolleginnen und Kollegen und Frauen, die im Netz und im Alltag besonders oft angegriffen werden.
Das Wahlergebnis und die gesellschaftlichen Einstellungen, die sich darin ausdrücken, lassen sich nicht kurzfristig verändern. Wo sehen Sie in einer solchen Situation Handlungsmöglichkeiten für Menschen, die sich für Gleichstellung, Antidiskriminierung oder demokratische Teilhabe einsetzen möchten?
Wir können zeigen, welches Potenzial in Wissenschaftlerinnen und in internationalen Forschenden steckt und wie sehr Sachsen-Anhalt davon profitiert. Ein Land, das ohnehin Fachkräfte verliert, kann es sich nicht leisten, dieses Potenzial zu verschenken. Antidiskriminierungsarbeit und Frauenförderung sind deshalb keine Nischenthemen, sondern Standortpolitik. Auch künstliche Intelligenz wird den Fachkräftemangel in der Spitzenforschung nicht lösen.
Die Forschung liefert dafür auch die Belege. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle hat zum Beispiel vorgerechnet, dass eine Politik gegen Zuwanderung der Wirtschaft im Land erheblich schaden würde. Solche Befunde gehören in die Öffentlichkeit, nicht nur in Fachzeitschriften.
Und schließlich können wir immer wieder an das Grundgesetz erinnern, das für alle gilt. Artikel 3 Absatz 2: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Und Artikel 3 Absatz 3: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“
Wenn bestimmte Anliegen schon institutionell verankert sind – beispielsweise Gleichstellung und Antidiskriminierung –, welche Möglichkeiten sehen Sie, diese zusätzlich auch in der Gesellschaft zu verankern?
Ich glaube, wir müssen bei den eigenen Geschichten anfangen. Mich wundert, dass mit der AfD in Sachsen-Anhalt ein Familienbild an Gewicht gewinnt, das im Osten nie die Norm war: Familie als Gegenmodell zum Staat, Kinder möglichst lange zu Hause, bis hin zum Unterricht zu Hause statt in der Schule. Dabei ist Sachsen-Anhalt eines der Länder mit den meisten Kita-Kindern unter drei Jahren: 2024 waren es fast 60 Prozent, in Westdeutschland nur rund ein Drittel (Quelle: Statistisches Bundesamt, Anm. d. Red.).
Ich war immer stolz darauf, eine finanziell selbständige Mutter zu haben, die ihr Leben lang gearbeitet hat. Heute arbeite ich selbst Vollzeit und habe ein Kind. Das funktioniert und macht Freude, weil es eine gute Betreuungsinfrastruktur gibt und weil das IAMO zum Beispiel Gleitzeit und Homeoffice ermöglicht. Warum sollten wir Frauen das aufgeben?
Gerade wird das Mopedfahren als ostdeutsche Identität gefeiert. Als Wendekind vom Dorf bin ich natürlich auch Moped gefahren und liebe es bis heute. Aber wenn wir schon auf die Vergangenheit schauen, dann würde ich den Teil würdigen, der selbstbewusste, berufstätige Frauen in den Mittelpunkt gestellt und Wissenschaft als Weg attraktiv gemacht hat. Diese Geschichten zu erzählen, in Schulen, Vereinen und Dorfgemeinschaften, und sie mit den Erfahrungen junger Frauen von heute zu verbinden, ist für mich der Weg, Gleichstellung auch gesellschaftlich zu verankern.
Beobachten Sie seit der Wahl bereits eine stärkere Vernetzung, Mobilisierung oder gegenseitige Unterstützung zwischen Menschen und Organisationen?
Ja, die Solidarität ist groß, und es gibt viele gute Impulse, bestehende Strukturen zu erhalten und sich besser zu vernetzen. Wie tragfähig das langfristig ist, lässt sich aber erst sagen, wenn klar ist, wer regiert und was tatsächlich umgesetzt wird.
Was braucht es aus Ihrer Sicht in den kommenden Monaten, damit Institutionen Aufgabenfelder der Gleichstellung, Diversität und Antidiskriminierung auch in einer politisch offenen Situation weiterhin wahrnehmen können?
Aus meiner Sicht braucht es drei Dinge. Erstens müssen Hochschulen und Forschungsinstitute Wissenschaftskommunikation auch als politische Kommunikation begreifen: klar erklären, warum Gleichstellung, Diversität und Antidiskriminierung zur Qualität von Wissenschaft gehören, und dabei auch Bürger:innen außerhalb der Wissenschaft erreichen. Zweitens braucht es ein sichtbares Klima der Solidarität: Wer hier forscht, muss spüren, dass die eigene Einrichtung hinter ihm oder ihr steht, und wer überlegt herzukommen, muss das von außen sehen können. Drittens sind jetzt die Strukturen gefragt, die es bereits gibt: die Landesrektorenkonferenz, die Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten, die Studierendenvertretungen, aber auch die außeruniversitären Einrichtungen. Sie müssen stärker gemeinsam auftreten und diese Aufgabenfelder aktiv verteidigen. Dass die AfD-Fraktion schon vor der Wahl einen Gesetzentwurf zur Abschaffung der verfassten Studierendenschaften in den Landtag eingebracht hat, zeigt, wie konkret der Handlungsbedarf ist.
Gibt es etwas an der gegenwärtigen Situation, das in der öffentlichen Debatte Ihrer Meinung nach bislang zu wenig wahrgenommen wird?
Ich komme noch einmal auf meinen Anfang zurück: Zu wenig wahrgenommen wird, wie viel Wissenschaft für dieses Land leistet und wie wenig davon bei den Menschen ankommt. Laut Wissenschaftsbarometer 2025 vertraut gut die Hälfte der Menschen in Deutschland der Wissenschaft, aber nur jeder Vierte fühlt sich über Neuigkeiten aus der Forschung auf dem Laufenden. Gleichzeitig wünschen sich 70 Prozent, dass Forschende sich einmischen, wenn Fakten verfälscht werden. Das Interesse ist also da, die Verbindung fehlt.
Dabei gibt es so viel zu erzählen. Die Genbank des IPK in Gatersleben bewahrt über 150.000 Kulturpflanzenmuster und ist die größte ihrer Art in der EU, ein Schatz für Landwirtschaft und Ernährungssicherheit weltweit. Das IAMO in Halle erforscht seit 1994, wie sich Landwirtschaft und ländliche Räume im Umbruch verändern – eine Erfahrung, die Sachsen-Anhalt selbst sehr gut kennt. Mit Forschenden aus aller Welt und ab 2027 einem eigenen Zentrum in Kyjiw trägt das Institut dieses Wissen weit über das Land hinaus. Solche Geschichten braucht eine Debatte, in der sich viele abgehängt fühlen.
Und es geht darum, wer Wissenschaft sichtbar macht. In Sachsen-Anhalt sind mehr als die Hälfte der Studierenden Frauen, aber nur gut ein Viertel der Professuren ist mit Frauen besetzt. Auf jeder Karrierestufe verlieren wir Talente. Mit FEM POWER arbeiten die Hochschulen und zwei Leibniz-Institute im Land daran, das zu ändern. Am IAMO haben wir dafür als Pilotprojekt die FEM-Power Science Communication Academy aufgebaut: 28 Wissenschaftlerinnen aus ganz Sachsen-Anhalt trainieren dort, ihre Forschung öffentlich zu vertreten, von digitalem Storytelling über den verantwortungsvollen Einsatz von KI bis zum direkten Austausch mit Bürgerinnen und Bürgern. Wir begleiten das wissenschaftlich, um zu sehen, was wirkt. Wenn Wissenschaftlerinnen öffentlich sprechen, werden sie zu Vorbildern, und die Wissenschaft wird vielfältiger und glaubwürdiger.
Deshalb ist Wissenschaftskommunikation für mich eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre: um Polarisierung und Diskriminierung entgegenzuwirken und Sachsen-Anhalt als Ganzes voranzubringen. Gerade wir als Leibniz-Institute im Land können hier noch stärker wirken und mit unserer Forschung dorthin gehen, wo die Menschen leben. Die Academy zeigt, wie das gehen kann, und ich würde mir wünschen, dass solche Formate über die Pilotphase hinaus fest verankert werden.
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