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4. November 2026
Boom, Krise, Neuanfang? Wie sich Arbeit und Leben in Hafenstädten verändern
Hafenstädte haben in den letzten Jahrzehnten einschneidende Veränderungen durchgemacht. Diese betreffen Natur, Industrie, Technik und vor allem die Menschen.
Hafenstädte zeichnen sich heute durch große Containerterminals, Offshore-Windparks, Tourismus und Kreuzfahrtschiffe aus. Kaum jemand denkt an die großen globalen Krisen und Umbrüche, die Hafenstädte bis heute prägen. In Bremen-Gröpelingen besetzte im September 1983 die Belegschaft der AG „Weser“ eine Woche lang ihre Werft. Geholfen hat es nicht: Zum Jahresende wurde das Unternehmen geschlossen, 2.200 Menschen verloren ihre Arbeit. Heute steht auf dem Gelände ein Einkaufszentrum.
Boom: „Alle, alle haben auf der Werft gearbeitet“
Wer in den 1960er Jahren auf eine Werft in Hamburg, Bremen oder Bremerhaven kam, betrat eine Welt, in der die Zukunft der Branche selbstverständlich schien: Schiffe würden immer gebraucht, die Werften immer Arbeit bieten. Die Zahl der Werftbeschäftigten stieg bis Anfang der 1960er Jahre von rund 36.000 auf 113.000. Da Arbeitskräfte fehlten, warben die Unternehmen Beschäftigte aus Südeuropa, der Türkei und Jugoslawien an; bis 1975 waren es nahezu 10.000 Menschen.
Für viele Familien bedeutete die Welt des Schiffbaus und der Schifffahrt ein sicheres Einkommen, die Chance zum sozialen Aufstieg und eine Perspektive für die nächste Generation. „Alle, alle haben auf der Werft gearbeitet“, erinnert sich ein türkischstämmiger Zeitzeuge. Ganze Lebensentwürfe beruhten auf der Vorstellung, dass es so bleiben würde.
Erinnerungsstücke aus der Werftzeit von Giancarlo Orru
Krise: Gerüchte, Unsicherheit, Abschied
Doch schon Ende der 1960er Jahre veränderte sich die Lage. In der Schifffahrt revolutionierte der Container den weltweiten Güterverkehr; Werften in Japan und später in Südkorea bauten günstigere Handelsschiffe, und die Ölkrisen der 1970er Jahre führten schließlich zu Schifffahrts- und Schiffbaukrisen. Es wurden weniger Schiffe bestellt, Standorte geschlossen oder zusammengelegt, und die Zahl der Beschäftigten in der maritimen Wirtschaft sank drastisch.
In Interviews mit ehemaligen Werftbeschäftigten zeigt sich, dass die Krise selten erst mit der Entlassung begann. Für viele setzte sie lange vorher ein: mit Gerüchten über Stellenabbau, verschlechterten Arbeitsbedingungen und der Erfahrung, dass vertraute Gewissheiten verloren gingen. Mit der Arbeit war eine Lebenswelt aus Kollegialität, handwerklichem Stolz und gemeinsamer Erfahrung verbunden. Viele beschreiben diesen Umbruch noch Jahrzehnte später als Einschnitt, der ihr Leben geprägt hat.
Werftarbeit aus zwei Generationen: Vater und Sohn in der Ausstellung „Schiffswelten – Der Ozean und wir“ des Deutschen Schifffahrtsmuseums. Von links: Enrico Francesco Orru und sein Vater Giancarlo Orru mit Enkelkindern.
Nicht alle traf es gleich
Ohne die Arbeitskräfte mit Migrationshintergrund wäre der Aufschwung im Schiffbau kaum möglich gewesen. In der Krise traf es sie jedoch besonders hart. Sie arbeiteten häufig in Bereichen, in denen zuerst gekürzt wurde, waren betrieblich schlechter abgesichert und hatten seltener Zugang zu Weiterbildung.Auch Ungelernte waren überdurchschnittlich oft von Arbeitslosigkeit betroffen, während Beschäftigte mit langer Betriebszugehörigkeit sowie Ingenieure und Konstrukteure eher eine Perspektive behielten.
Die Folgen reichten weit über die Werften hinaus. In Bremerhaven geriet neben dem Schiffbau auch die Fischwirtschaft unter Druck. Junge Menschen zogen weg, andere blieben und erlebten, wie sich ihre Stadt veränderte. Zwischen 1975 und 2024 hat Bremerhaven über 25.000 Einwohner:innen verloren.
Neuanfang: Neue Branchen, globale Abhängigkeiten
Seit den 1990er Jahren haben sich die Hafenstädte neu aufgestellt. Die Hafenarbeit wurde technisiert und automatisiert; die Offshore-Windenergie und die Meeresforschung sollten neue Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen. Auf brachliegenden Hafen- und Werftflächen entstanden Museen, Hotels und Uferpromenaden, und die maritime Vergangenheit wurde selbst zur touristischen Attraktion.
Doch auch die neuen Branchen hängen von globalen Märkten und politischen Entscheidungen ab. Die Windindustrie verlor Arbeitsplätze und Produktionsstandorte mussten schließen. Derzeit erlebt der Marineschiffbau aufgrund der internationalen Sicherheitslage wieder einen Aufschwung. Wie lange er anhält, bleibt offen.
Auch die Kreuzfahrt steht für globale Abhängigkeiten. Als die Meyer Werft in Papenburg 2024 trotz voller Auftragsbücher in eine existenzbedrohende Finanzkrise geriet, übernahmen der Bund und das Land Niedersachsen vorübergehend rund 80 Prozent der Unternehmensanteile. Verändert hat sich auch, wer auf den Werften arbeitet. An die Stelle der angeworbenen „Gastarbeiter“ sind heute vielfach ausländische Werkvertrags- und Leiharbeitskräfte getreten. Sie sind bei Subunternehmen oder Verleihfirmen angestellt und arbeiten teils unter prekären Bedingungen.
Noch deutlicher zeigen sich globalisierte Arbeitsverhältnisse an Bord der Schiffe, die dort gebaut werden. Auf Kreuzfahrtschiffen arbeiten Seeleute aus bis zu 100 Nationen. Während die Offiziere auf der Brücke stehen, leisten Beschäftigte in der Küche, in den Kabinen und den Restaurants häufig lange Schichten mit wenig Freizeit. Sie stammen meist aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Viele Schiffe fahren unter den Flaggen von Staaten wie den Bahamas, Panama, Liberia oder Malta. Welche arbeitsrechtlichen Regelungen gelten, hängt unter anderem von dem Flaggenstaat und dem Arbeitsvertrag ab; deutsche Standards lassen sich nicht einfach übertragen. Die Frage nach der Anwerbung und Absicherung von Arbeit stellt sich damit erneut – allerdings unter anderen Bedingungen als in den 1960er Jahren.
Wünsche der Menschen für ihre Stadt
Der Strukturwandel verändert den Blick der Menschen auf ihre Stadt, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft. Beim Moving Lab im Juni 2026 in Bremerhaven diskutierten die Teilnehmenden ihre Vorschläge – von einem besser zugänglichen Überseehafen, einem Café im Containerhafen bis zu Investitionen in benachteiligte Stadtteile und neuen Arbeitsplätzen. Auch die industrielle Vergangenheit spielt eine wichtige Rolle. Das kulturelle Erbe der Arbeiter:innen soll erhalten bleiben, ohne die Geschichte auf romantisierende Traditionsbilder zu reduzieren. Dazu gehört, auch schwierige Schicksale und soziale Brüche sichtbar zu machen.
Fazit: Wandel ja, Sicherheit nein?
Die Geschichte deutscher Hafenstädte seit den 1960er Jahren ist weder eine reine Erfolgsgeschichte noch ein bloßer Niedergang. Sie handelt von wiederkehrenden Umbrüchen, Anpassungen und Neuorientierungen. Globale Entwicklungen stoßen den Wandel an, und lokale Strukturen entscheiden mit darüber, wen er trifft und welche Möglichkeiten den Menschen offenstehen.
Hafenstädte erzählen deshalb die Entwicklungen des Welthandels ebenso wie die Frage, wer zu den Gewinnern und Verlierern wirtschaftlicher Transformationen wird – von den angeworbenen Werftarbeiter:innen der 1960er Jahre bis zu den international zusammengesetzten Besatzungen heutiger Kreuzfahrtschiffe. Neue Branchen können Arbeitsplätze schaffen, doch die Lasten des Wandels tragen häufig diejenigen, deren Arbeit am wenigsten abgesichert ist. Ein wirtschaftlicher Neuanfang bedeutet nicht automatisch soziale Sicherheit.
Damals auf der Werft: Zeitzeuge Giancarlo Orru vor seiner Fotografie als junger Werftarbeiter, die in der Ausstellung des Deutschen Schifffahrtsmuseums zu sehen ist. Er kam aus Sardinien und arbeitete seit den 1970er Jahren im Schiffbau.
Werftarbeit aus zwei Generationen: Zeitzeuge Giancarlo Orru mit Tochter Elisa Arslancan und Enkelkindern in der Ausstellung „Schiffswelten – Der Ozean und wir“ des Deutschen Schifffahrtsmuseums.
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